„Ja,“ erwiderte Doktor Fröhlich, „das stimmt. Die Wurzeln sind giftig, aber eine hübsche Blume ist sie darum doch, man braucht sie ja nicht zu essen. Der Sage nach war die Maiblume der Göttin Ostara geweiht, und bei den Maifesten unserer Vorfahren war die Maiblume der beliebteste Schmuck.“
Den Mädels zuckte es ordentlich in den Händen, sie hätten gar zu gern mit Pflücken begonnen, denn an manchen Stellen standen die Maiblumen ganz dicht, und süß stieg ihr Duft zu den Wandernden auf. Überhaupt gab es viel zu sehen und zu hören im Walde. Ein sanftes Rauschen und Raunen ging durch die Wipfel der Bäume, und es zwitscherte und sang laut und leise, das Pochen des Spechtes ertönte, und plötzlich ließ auch der Kuckuck seine Stimme hören. Mal hier, mal dort, aber vergebens suchten ihn die Kinder, er war nirgends zu sehen.
„Wie viele Tage bleibe ich noch hier?“ fragte Jantge, als der Kuckuck ein Weilchen geschwiegen hatte. Da begann er zu schreien; er rief und rief ohne aufzuhören; erst zählten die Kinder, aber dann rief es von da und dort, von überall her „Kuckuck, Kuckuck“, und Brigittchen flüsterte geheimnisvoll: „Jantge bleibt immer hier!“
Es schien wirklich so zu sein, denn der Kuckuck rief noch, als die Wanderer schon die grauen Mauern und das rote Dach der „Fröhlichen Einkehr“ durch die Bäume schimmern sahen.
Auf einmal spürten es alle, daß sie hungrig und durstig waren, und selten kamen wohl Gäste mit einem solchen Jubelgeschrei in einem Gasthaus an. Im Garten war Platz in Hülle und Fülle, es saß nämlich niemand drin, und die Kinder konnten zu ihrer Lust alle Tische durchprobieren; ein Platz erschien ihnen immer verlockender als der andere.
Aus dem Hause kam eine blasse Frau; sie trug ein schwarzes Kleid und sah gar nicht frühlingslustig aus. Still nahm sie die Bestellung entgegen, und traurig glitten ihre Blicke über die heitere Kinderschar hin. „Es ist die Wirtin,“ sagte Helene Fröhlich halblaut zu ihrem Bruder, „ihr scheint ein Kind gestorben zu sein damals — oder beide!“
Die Geschwister schwiegen und dachten an die traurige Frau; die Kinder hatten gar nicht auf das Gespräch gehört, die tollten lachend durch den Garten. Nur Jantge saß still am Tisch, und sie dachte auch mitleidig an die Frau, der wohl ein Kind gestorben war.
Ein Viertelstündchen könnte es dauern, bis der Kaffee fertig sei, hatte die Wirtin gesagt, und die Kinder meinten, sie wollten unterdes die Schaukel versuchen und sich den Hof mit den Ställen ansehen. Sie versprachen brav zu sein, und so durften sie gehen, während die Geschwister unter der Linde sitzen blieben. Die Kinder liefen hierhin und dorthin, die einen wollten dies sehen, die andern das. „Komm mit,“ rief Brigittchen Jantge zu, und Wendelin schrie: „Ich zeig’ dir den Ziegenstall!“
Jantge überlegte ein Weilchen, und dann stand sie mit einem Male allein da. Sie ging zum Garten hinaus, aber statt auf den Hof, kam sie an den Waldrand, an dem sie einige Schritte entlang ging. Da blieb sie plötzlich lauschend stehen: „Was mochte das für ein Vogel sein, der so hübsch pfiff?“
Leise ging sie weiter, da sah sie unter einer großen Buche einen Knaben sitzen, der auf einer Flöte aus Rohr blies; es klang fein und melodisch wie Vogelsang. Jantge lauschte andächtig; das war hübsch, der pfeifende Knabe hier in dem schönen Walde. Wie gut es der hatte. Ihr fiel wieder ihr Kummer ein, den sie bei dem fröhlichen Wandern fast vergessen hatte. Sie dachte daran, daß sie bald von Neustadt fort müßte, und geschwind kamen ihr die Tränlein wieder, die Brigittchens sanftes Zureden und Anne-Martes Lachen getrocknet hatten.