Sie hatte gewußt, daß Frau Vogeler kommen würde, aber nun diese vor ihr stand, war es der Kleinen doch eine große Überraschung, und sie wußte nichts zu sagen als: „Es ist nichts an das Kleid gekommen!“
Da lächelte Frau Vogeler ein wenig; dabei sah sie so lieb und gütig aus, daß Jantge jede Scheu vor ihr verlor. „Ich will zu deiner Großmutter, Kind,“ sagte die Frau, „Karl mag unterdessen bei dir bleiben, er hat sich sehr gefreut, daß er dich besuchen darf.“ —
Während die Mutter in das Haus ging, erzählte Karl seiner neuen Freundin von der Fahrt nach der Stadt, von daheim, und daß er neulich den schwarzen Ziegenbock ausgescholten hätte.
Sie schwatzten beide miteinander wie die allerbesten, allerältesten Freunde, und die Zeit lief ihnen dahin, als hätte sie Siebenmeilenstiefel an.
Inzwischen saß drinnen im Spittelstübchen Frau Vogeler neben der Urgroßmutter und erzählte der Alten von ihrem Kind, das im Winter gestorben war. Die kleine, verwaiste Jantge, die draußen unter dem Fliederbusch mit Karl schwatzte, wußte nicht, daß in dieser Stunde für sie wie eine Wunderblume ein großes, großes Glück aufblühte. Der alten Urgroßmutter aber rannen heiße Freudentränen über die Wangen: „Meine Jantge soll eine Heimat haben, ganz in meiner Nähe, welch’ Glück!“ sagte sie.
„Du sollst zu deiner Urgroßmutter kommen, Jantge,“ rief Trine Tillmann in das fröhliche Plaudern der Kinder hinein. „Nä, guck mal, was hast du denn da for’n Jungen? Der ist ja wohl reinweg vom Himmel runter gefallen, nä, so was!“
Die Kinder lachten über die Verwunderung der Alten, und lachend kamen beide in das Zimmer der Urgroßmutter. Da hörte Jantge denn von dem großen Glück, das ihr widerfahren sollte. In der „Fröhlichen Einkehr“ sollte sie eine Heimat finden. Die Wirtsleute wollten sie zu sich nehmen, und sie sollte des kleinen Karl Schwester werden. Helene Fröhlich hatte von Jantges Armut und Verlassenheit gesprochen, als Frau Vogeler ihr von ihrem toten Töchterchen erzählte. „Das Fräulein Fröhlich ist eine, die gern alle Menschen froh machen möchte,“ sagte die Frau dankbar, „na, meinst du, Jantge, ob du bei uns auch froh sein wirst?“
Da jubelte Jantge auf, und Karl jubelte mit, es war ihnen beiden, als ständen sie mitten unterm brennenden Weihnachtsbaum. Die Urgroßmutter und die Mutter nickten: „So war es gut.“
Ein Viertelstündchen später lief Jantge mit ihrem neuen Bruder zu Fröhlichs, zu Anne-Marte und Jörgel, zu Brigittchen und den Bäckerbuben, um Abschied zu nehmen, denn sie sollte gleich mit in die neue Heimat kommen. „Es ist ja nicht weit,“ sagten die Kinder tröstend zu einander, „wir besuchen dich bald.“ „Zu Pfingsten,“ rief Severin, dem es gar nicht gefiel, daß Jantge fort sollte.
„Wenn es nicht regnet,“ sagte Martin, der dabei stand.