Es war sehr schön im Walde an diesem Pfingstsonnabend; Bäume, Büsche und Blumen, Gras und Kräuter, alles sah taufrisch und frühlingslustig aus, und die Vögel zwitscherten und sangen laut und leise ihre allerschönsten Pfingstlieder. Ein Weilchen wanderte der Bube so dahin, immer dichter wurde der Wald, und mitunter versperrten ihm riesengroße, mit Moos bewachsene Steine den Weg. Ein Bächlein lief an ihm vorbei, das murmelte: „Geh links, geh links“, und Christoffel meinte Marieles Stimme zu hören, er wußte aber nicht, daß es das Bächlein war, das Marieles Tränen mit sich führte.
Er ging wirklich links, und als er ein Weilchen links gegangen war, kam er plötzlich auf einer weiten Lichtung an, eine große, blühende Wiese lag zwischen den blauschwarzen Tannen. Mitten auf der Wiese lag ein Garten, und in dem Garten stand ein Haus, nein, ein Schloß war es, eins, das ein goldenes Dach hatte. Viel war sonst von dem Schloß nicht zu sehen, es war nämlich von unten bis oben mit Pfingstrosen überwachsen, und weil gerade Pfingsten war, blühten auch die Röslein, rote und weiße. Selbst über die Fenster hinüber hingen die Rosenranken wie zarte Schleier.
Zaghaft trat der Bube näher, am Gartenzaun blieb er stehen und schaute hinein. War das eine blühende, duftende Pracht! Tausende von Blumen blühten in allen Formen und Farben. Schlichte Wald- und Wiesenblümlein und stolze, farbenprangende Gartenblumen. Und wie Christoffel so stand und schaute, tat sich auf einmal die goldene Haustür auf, und heraus trat ein Mägdlein, ein feines, zierliches Kind, es trug eine Haube aus braunem Samt, die sah aus wie ein Schmetterlingskopf. Das Mägdlein ging durch den Blumenwald hindurch, da neigte es sich zu einer großen, bunten Tulpe herab, dort strich es sanft einem Maiglöckchen über das weiße Kleid. Vor einigen großen Feuerlilien blieb das Mägdlein stehen, und, Wunder über Wunder, der Bube hörte ganz deutlich, wie die Feuerlilien flüsterten, sie schienen dem Kinde etwas zu erzählen.
Christoffel spitzte die Ohren wie eine kleine Maus, er wollte doch auch hören, was die Blumen zu sagen hatten, und wirklich, er konnte es verstehen; sie riefen: „Melinde, schau dich um, am Zaun da steht ein dummer, neugieriger Bube.“
Dumm nannten ihn die Feuerlilien, na, das war doch aber frech! Christoffel wurde krebsrot vor Zorn, und ärgerlich rief er: „Ich bin nicht dumm, ich bin sehr gescheit, ich bin ein Hirtenknabe und will eine Prinzessin heiraten!“
Da fingen plötzlich alle Blumen an zu lachen, die kleinen Wald- und Wiesenblumen kicherten, bei den Maiglöckchen klang es wie ein feines Läuten, die Tulpen lachten breit und derb, die Feuerlilien lachten ordentlich dröhnend, und manche Blüte platzte gleich vor Lachen weit auf, und die hängenden Herzen bammelten hin und her vor Vergnügen.
„Mögen sie doch lachen,“ dachte Christoffel, und ganz keck sagte er zu dem lieblichen Kinde: „Bist du eine Prinzessin, dann will ich dich heiraten. Hirtenbuben heiraten doch meist Prinzessinnen, willst du?“
Die Kleine lachte und rief fröhlich: „Gewiß bin ich eine Prinzessin, und zwar bin ich die Schmetterlingskönigin. Ich wohne bei meiner Muhme, der Blumenkönigin, komm nur herein und sei unser Gast!“
Just in diesem Augenblick trat aus dem Hause eine wunderschöne Frau; sie trug ein Kleid, das schimmerte wie die liebe Sonne und war so zart und fein wie ein Blumenblatt. „Frau Muhme,“ rief die kleine Schmetterlingskönigin, „schaut doch her, hier ist ein Hirtenbube, der mich heiraten will!“
Da kicherten und lachten wieder alle Blumen, die wunderschöne Frau aber sagte: „Wenn meine Nichte dich will, dann mag sie dich heiraten, tritt nur näher und sieh, wie es dir bei uns gefällt, denn, wenn dich Melinde heiratet, dann mußt du immer hier bleiben und darfst nie das Haus und den Garten verlassen!“