Christoffel zog ein langes Gesicht, das paßte ihm nun schon nicht recht, er hatte sich gerade als Allerschönstes bei der Geschichte gedacht, daß er, wenn er erst ein Prinz oder König sein würde, in seiner goldenen Kutsche in sein Heimatdorf fahren möchte, damit ihn dort die Leute auch alle recht bewunderten. Alle sollten sie ihn anstaunen, ihn, den vornehmen Herrn, die Eltern, die Freunde, Muhme Trine-Rosine und Mariele, sogar der Herr Schulmeister. „Nun komm doch, tritt näher!“ rief Melinde.
Zögernd betrat Christoffel den Garten, und als er mit seinen dicken Bergschuhen über den feinen, bunten Kies schritt, der wie lauter Edelsteine glänzte und schimmerte, da kicherten die Blumen wieder laut und leise, und eine dicke Feuerlilie rief neckend: „Tritt sacht auf, Prinzlein, tritt sacht auf!“
Der Bube wurde blutrot und stapfte und stolperte nun erst recht ungeschickt durch den Garten.
„Du stößt uns ja, au weh, du trittst auf meine Wurzeln!“ so riefen die Blumen ärgerlich. Da nahm Melinde den Buben an der Hand und führte ihn selbst in das Schloß mit dem goldenen Dach. Wie sie die Türe öffnete, da wäre der Christoffel beinahe hingeplumpst vor Staunen, denn es glitzerte und schimmerte so vor seinen Augen, daß er ganz geblendet war. Er sah in einen wundervollen Saal hinein, dessen Wände und dessen Fußboden ganz von bläulichem Glas waren, darüber wölbte sich ein Dach, das aussah wie der dunkelblaue Nachthimmel, an dem unzählige Sternlein erstrahlten. Und durch die Glaswände hindurch sah man wunderbare Landschaften; da war ein Wald voll Palmen, an denen sich seltsam geformte Orchideen emporrankten, man sah das blaue Meer auf- und abwogen, und auf der anderen Seite wieder sah man unendliche weite Wiesen, dann das Hochgebirge mit seinen schimmernden Schneebergen.
„Wir können von unserem Schloß aus in alle Länder der Welt schauen,“ sagte Melinde, die des Buben Staunen bemerkte. „Doch komm’, jetzt wollen wir zusammen zu Mittag essen!“
Über all dem Wunderbaren, was es zu sehen gab, hatte Christoffel gar nicht mehr daran gedacht, daß er nach der tollen Fahrt eigentlich recht hungrig war. Als die kleine Prinzessin nun aber vom Essen sprach, da fing sein Mäglein gleich an gewaltig zu knurren. „Heisa,“ dachte er, „das ist recht, daß es etwas zu essen gibt,“ und im Geiste sah er schon allerlei leckere Dinge vor sich, die er zwar noch nie in seinem Leben gekostet hatte und die er nur aus den Erzählungen von Muhme Trine-Rosine kannte. Wenn einer essen will, muß er sich aber an einen Tisch setzen, und wenn dieser Tisch in der Mitte eines riesengroßen Saales steht, muß man den Saal durchschreiten, um an den Tisch zu gelangen. Das wollte Christoffel auch ganz gern tun, aber, du lieber Himmel! das war eine schwierige Sache, auf dem glänzenden Glasboden zu gehen. Er rutschte und schlitterte und pardauz, lag er nach drei Schritten, so kurz er war, da. Und mit dem Aufstehen ging es auch nicht so leicht. Kaum dachte er, nun bin ich hoch, plumps, da lag er wieder, und das lose Prinzeßlein lachte dazu aus vollem Halse. Überhaupt war es ein Schwirren, Klingen und Lachen im Saal, daß es Christoffel himmelangst wurde. Als er nach dem viertenmal Aufstehen sich wieder recht kräftig hingesetzt hatte, da schaute er sich erst mal ein bißchen um. Nun sah er wunderfeine, kleine Männlein und Fräulein im Saal herumspazieren, die hatten veilchenfarbene, dottergelbe, schneeweiße, grasgrüne, himmelblaue und sonst was für Kleider an, es waren die Blumenelfen, die im Schutz der Blumenkönigin wohnten. Auch bunte, schillernde Schmetterlinge flogen in Scharen aus dem Saal hinaus und hinein.
Das war nun wirklich allerliebst, und Christoffel vergaß ein Weilchen wieder sein knurrendes Mäglein und riß vor Erstaunen Mund und Nase weit auf.
„Aber, komm doch!“ drängte endlich Melinde und reichte dem Buben die Hand, und an der Hand seiner kleinen Führerin gelangte der endlich unversehrt an einen goldenen Tisch, der inmitten des Saales stand. „Setze dich,“ zwitscherte die kleine Prinzessin.
Christoffel wollte sich auf ein goldenes Stühlchen setzen, aber das rutschte davon wie ein Schlitten auf dem Eise, und der Bube saß nun zum sechstenmale auf dem Boden. Wieder half Melinde, und endlich saß Christoffel am Tisch und dachte vergnügt: „Nun kann’s losgehen, ob es wohl Hühnerbraten gibt oder — gar eine Torte?“
Einige Blumenelfen kamen herbei und brachten zierliche, goldene Schüsseln und ein goldenes Krüglein. „Heute gibt es Rosenmus und Gänseblümchenwein,“ sagte Melinde, „da, lang’ nur zu, eine Veilchenpastete sollst du dann auch noch zu kosten bekommen! Hier, ich lege dir vor!“