„Pfui, nä, gebratene Regenwürmer,“ sagte Wendelin noch einmal vor dem Einschlafen.
Brigittchen aber wandelte im Traum durch den Garten der Blumenkönigin, fein, schön und licht trat ihr die entgegen und fragte: „Was wünscht du dir, Brigittchen, in meinem Reich hat jeder einen Wunsch frei am Pfingsttag!“
„Eine Mutter, wie Jantge eine bekommen hat,“ flüsterte die Kleine. Da wachte sie halb auf, jemand hatte sich über sie geneigt und strich ihr sanft über das Gesichtchen, es war ihr Vater. „Was schwätzt mein kleines Mädchen im Traum?“ fragte er.
„Ich möchte eine Mutter,“ murmelte Brigittchen noch einmal, dann schlief sie weiter und merkte es nicht, daß ihr Vater lange, lange in tiefem Sinnen an ihrem Bettchen saß. Er dachte an den Pfingstwunsch seines kleinen Mädchens, und wie er den erfüllen könnte.
Mohrchen.
Die Geschichte einer Feindschaft.
Im Winter hatte Fritz Brinkmann einen schwarzen Hund gefunden, der überfahren worden war. Der Knabe war gerade vom Schlittenfahren heimgekommen, just an dem Tage war es gewesen, an dem Doktor Fröhlich nach Neustadt kam, und zu den lustigen Schlittenfahrern in der Marienstraße hatte Fritz auch gehört. Dicht bei dem Hause seines Großvaters, der in einer stillen Vorstadtstraße wohnte, hatte der Knabe den Hund gefunden; flehend hatte ihn der mit treuen, klugen Augen angesehen, und Fritz hatte ihn ohne langes Besinnen auf seinen Schlitten geladen und heimgefahren.
Die Großeltern — Fritz war Waise und wurde bei seinem Großvater, dem alten Geheimrat Brinkmann erzogen — erlaubten es gern, daß der Knabe den Hund pflegte, bis sein Besitzer käme. Aber niemand meldete sich, um Mohrchen — so wurde der neue Hausgenosse ob seines schwarzen Felles genannt — abzuholen. Die Tage gingen und kamen, die Luft wurde milder, der Schnee verschwand, und immer noch war Mohrchen im Hause. Seine Wunden waren längst geheilt, und aus dem mageren, ruppigen Tiere war ein hübscher Hund mit glänzend schwarzem Fell geworden, der lustig seinen kleinen Herrn überall hin begleitete. Ein Freund war er, so treu, gut und anhänglich, wie leicht kein besserer zu finden war. Alle Klassengenossen von Fritz bewunderten Mohrchen rückhaltlos, und vor seiner Klugheit hatten sie den allergrößten Respekt. Sogar Doktor Halbe, der Klassenlehrer, sagte einmal, als er Mohrchen zu sehen bekam: „Er sieht sehr klug aus“. Den Buben war dies soviel, als hätte Mohrchen einen hohen Orden bekommen, und Fritz kam an diesem Tage mit so strahlenden Augen heim, daß seine Großmutter dachte, er wäre mindestens Klassenerster geworden; leider, leider war dies gerade nicht der Fall, der Fritzel hielt sich mehr in der Klassenmitte auf.