Mohrchen sprang und tanzte kreuz und quer und bellte laut vor Freude. Und plötzlich lag Meister Langbein, er wußte nicht wie, so kurz er war, auf der Erde; das fröhliche Mohrchen hatte ihn umgerissen. Aber der Meister schalt nicht, sondern sagte: „Bist ein braver Hund, Mohrchen, wirklich ein Staatskerl; morgen schenke ich dir ’nen Wurstzipfel; hast ihn verdient. Magst du lieber Blut- oder Leberwurst?“ Merkwürdigerweise gab Mohrchen auf diese Frage trotz seiner Klugheit keine Antwort.

Berta sagte nichts, aber sie streichelte Mohrchen so sanft, und dieser leckte ihr zutraulich die Hand, als sei nie Feindschaft zwischen ihnen gewesen. Fritz wurde rasch in warme Decken gehüllt und in den Wagen gehoben. Während der Heimfahrt erzählte er seine Erlebnisse. Mohrchen hatte er suchen wollen und war einem fremden, schwarzen Hund, den er für Mohrchen hielt, bis zum Walde nachgelaufen. Dort hatte er ihn aus den Augen verloren und war dann kreuz und quer gerannt, bis er sich zuletzt müde unter einen Baum gelegt hatte. Er mußte wohl eingeschlafen sein; ein furchtbarer Donner weckte ihn, und angstvoll war er aufgesprungen und davon gelaufen. Dabei hatte er den Weg verfehlt und war an das Moor gekommen. Ohne Ahnung der Gefahr hatte er es betreten, doch schon nach wenigen Schritten sank er tief ein. In seiner Herzensangst schrie er laut um Hilfe. Da hörte er plötzlich Hundegebell.

„Mohrchen, Mohrchen!“ schrie er, und wirklich — nach einigen Minuten kam Mohrchen, der die Spur seines kleinen Herrn gefunden hatte. Schwer nur war es Fritz gelungen, aus dem Moorloch herauszukommen, aber Mohrchen hatte unermüdlich gezerrt und gezogen. Freilich, Fritzens Jacke war dabei ganz und gar zerrissen. Dann hatte das treue Tier den Knaben fest am Kittel gepackt und ihn sicher vom Moor geleitet. Fritz wußte nur noch, daß er unter eine Buche gekrochen war; dann hatte er das Bewußtsein verloren. Das tapfere Mohrchen aber war nach Hause geeilt und hatte Hilfe geholt.

„Ein Staatskerl, wirklich ein Staatskerl!“ rief Meister Langbein und streichelte den braven Hund.

In Neustadt hatte sich rasch die Kunde von Fritzens Verschwinden verbreitet, und eine Anzahl Erwachsener und viele, viele Kinder der Stadt kamen den Heimkehrenden entgegen und begrüßten diese mit lautem „Hurra!“ Am allermeisten aber schrieen Fritzens Klassengenossen, einer brüllte immer lauter als der andere.

Ein Fremder, der an diesem Tage in Neustadt war, dachte, es wäre Feuer ausgebrochen oder der Landesherr käme. Er lief auch auf die Straße und hörte dort immer „Mohrchen“ rufen. „Nein,“ sagte er lachend, „wie kleinstädtisch die Leute sind! Wenn ein Neger zu sehen ist, rennen sie sich beinahe die Füße ab.“

„Da sieht man doch, wie die Leute in der Fremde sehen und hören,“ sagte später Klaus Hippel oft, wenn er die Geschichte erzählte, „mich wunderts nur, daß die Fremden nicht noch mehr Unsinn von Neustadt zu berichten wissen!“

Doch an diesem Tage rief auch Klaus Hippel, der gerade auf der Straße war: „Hurra Mohrchen!“ Und so unter Jubelgeschrei wurde Fritz heimgebracht.

Die Großeltern waren inzwischen zurückgekommen und harrten in Angst und Sorge ihres Lieblings. Der wurde eiligst von Schlamm und Schmutz befreit und in sein Bett gebracht. Er bekam heißen Tee zu trinken, trotz der Sommerwärme. Er schlief auch bald ein, und Mohrchen und Berta wachten in dieser Nacht zusammen an seinem Lager. Die Alte konnte nicht schlafen vor Sorge, der Knabe könne krank werden. Sie saß in stillem Gebet an seinem Bett, neben ihr lag Mohrchen und sah manchmal mit seinen klugen, treuen Augen zu ihr auf. Dann nickte sie ihm zu und flüsterte leise: „Mein tapferes Mohrchen, ich will gut machen, was ich an dir verschuldet habe!“

Fritz schlief wie ein kleines Murmeltier in dieser Nacht, und als er am nächsten Morgen erwachte, da hatte er strahlende Augen und rosige Wangen. Sein Frühstück schmeckte ihm wie noch nie, er aß vier Wecken, und als er beim fünften war, rief er plötzlich: „Aber Mohrchen, wie siehst du denn aus!“