Und so festlich weiß war alles! Auf den Dächern und Bäumen, auf den Gartenzäunen, der Kirchturmspitze, ja selbst auf dem Brunnenschwengel lag Schnee. Und so viel Schneemänner standen auf der Dorfstraße wie Schutzmänner in einer großen Stadt. Es war so weihnachtlich weiß und geheimnisvoll, als wäre Oberheudorf des Herrn Weihnachtsmannes hochberühmte Residenzstadt. „Es kann wohl nirgends in der Welt schöner sein,“ sagte Traumfriede, der zum erstenmal Weihnachten bei Muhme Lenelis feierte. Die Kinder träumten nur von Zinnsoldaten, Puppen, Baukasten und Märchenbüchern, von flimmernden Tannenbäumen und süßen Pfefferkuchen. So viel Tand und Spielzeug wie die Stadtkinder bekamen die Oberheudorfer Buben und Mädel zwar nicht zu sehen, geschweige denn beschert, sie waren aber darum nicht minder glücklich.
Am 23. Dezember sollte wie alljährlich in der Schule eine große Weihnachtsfeier stattfinden. Der Herr Lehrer wußte die Feier immer so besonders schön einzurichten, daß der Ruhm der Oberheudorfer Weihnachtsfeier sogar bis nach Niederheudorf gedrungen war und von dort immer etliche Leute heraufkamen, um dem Fest beizuwohnen. Die Oberheudorfer Buben und Mädel waren auch gehörig stolz auf ihre Weihnachtsfeier, bei der die beiden großen Schulstuben so geschmückt waren, daß kein Mensch sie mehr für Schulstuben halten konnte. Um vier Uhr begann die Feier, aber schon um drei Uhr tummelten sich Buben und Mädchen im höchsten Staat auf der Dorfstraße herum, denn das „Feinmachen“ gehörte zu der Feier, wie der Kuchen zum Festtagskaffee gehört.
Trotz dieser seligen Weihnachtsfreude saß Waldbauers Mariandel am Nachmittag dieses Tages in der Wohnstube ihres elterlichen Hauses und weinte herzbrechend. Sie war ganz allein, die Waldbäuerin war mit dem Festkuchen beim Bäcker, und der Bauer arbeitete im Stall. Mariandel saß auf einer Bank in der Fensterecke und schluchzte bald laut, bald leise. Da klopfte es, und gleich darauf öffnete sich die Tür, und der dicke Friede guckte herein.
„Na, kommst du?“ rief er.
„Huhu, huhu!“ heulte Mariandel nun wieder ganz laut.
„Warum weinst du denn?“ fragte Friede verdutzt. „Bist du hungrig?“
Hinter Friede kam noch jemand ins Zimmer: es war Annchen Amsee. Die braunen Schelmenaugen blitzten übermütig, der rote Mund lachte, die Bäckchen waren so rot wie ein roter Gummiball, das ganze Annchen sah aus wie ein kleiner lustiger, pausbäckiger Weihnachtsengel.
„Sie heult,“ sagte der dicke Friede verwirrt und deutete auf das weinende Mariandel.
„Aber warum denn?“ schrie Annchen Amsee erschrocken.
„Huhu, huhuhu!“ schluchzte Mariandel, es klang jammervoll.