„Ich hol' den Rock,“ wisperte Annchen Amsee, „ich weiß, wo er hängt.“

„Dann gehen wir alle zusammen nach Niederheudorf. Uh je, wird das fein!“ jubelte Heine Peterle.

„Wird's nicht 'n bißchen graulich!“ fragte Röse ängstlich.

„Alte Furchttrine,“ rief ihr Bruder empört. „Wo drei Buben dabei sind, gibt's nichts zu fürchten.“

Sie steckten alle fünf die Köpfe zusammen und tuschelten, wisperten und lachten, dann sprangen sie nach Hause, und ihre Augen strahlten so, daß die Mütter ganz erstaunt fragten: „Was, heute wollt ihr so zeitig ins Bett gehen? Es sind doch morgen Ferien!“

Aber die fünf Kinder gingen wirklich schon um sieben Uhr in ihre Betten, eine halbe Stunde später trafen sie sich freilich am Schulzenhof. Niemand durfte von ihrem Weg wissen; die Heimlichkeit ist nun mal das Schönste bei Weihnachtsüberraschungen. Und während Mariandel unter heißen Tränen einschlief, wanderten ihre fünf Freunde schwatzend und vergnügt nach Niederheudorf. Sehr kalt war es nicht, und da der Mond auf das weiße Land schien, lag der wohlbekannte Weg klar und hell vor den Kindern. Sie hatten einen kleinen Schlitten mitgenommen und fuhren einander immer abwechselnd darin. Sie kamen auf ihrem Weg am Forsthaus Weidmannsheil vorbei, dort leuchteten zwei helle Fenster in den Winterabend hinein.

„Ich seh' einen Christbaum,“ flüsterte Annchen Amsee, als sie vorbeigingen, und neugierig blieben alle stehen. In der Wohnstube stand die Försterin und putzte den Baum an, der, wie es in der Gegend Sitte war, von der Decke herabhing. Leise schwebte er hin und her, und all die glitzernden Sterne, Kugeln und Ketten, die die Försterin darangehängt hatte, blitzten aus dem grünen Gezweig heraus.

„Wie schön!“ flüsterten die Kinder atemlos und stellten sich auf die Fußspitzen, um besser sehen zu können. Auf einmal nahm die Försterin die Lampe und verließ das Zimmer, und der schwebende Tannenbaum entschwand den Blicken der Kinder. Vergnügt liefen die Buben und Mädel weiter und plapperten so viel von Weihnachten, daß ihnen die Zeit wie im Fluge verging und sie in Niederheudorf waren, sie wußten nicht wie.

Friedes Pate, ein altes, freundliches Frauchen, war sehr erstaunt über den späten Besuch. „Aber Kinder, Kinder,“ sagte sie, „wenn eure Eltern wüßten, daß ihr so bei Nacht herumlauft!“

Die fünf sahen sich verlegen an. „Es ist doch Weihnachten,“ sagten sie kleinlaut, „da darf man doch Heimlichkeiten haben!“