„Freilich, freilich,“ schluchzte Heine Peterle, „so heißt ja der Schneider bei uns.“
Freundlich zeigte ihm die Dame den Weg, und müde und hungrig schleppte Heine Peterle seinen Sack weiter und war froh, als er endlich vor dem Haus mit der Nummer 5 anlangte. War das Haus einmal groß! Schier unheimlich erschien es dem Buben, und zaghaft trat er ein. Innen war alles feierlich still. Heine Peterle kletterte eine Treppe empor und betrat einen langen Gang, auf den viele Türen mündeten. „Arg viele Stuben scheint der Herr Vetter zu haben,“ dachte Heine Peterle und klopfte kräftig an die erste Türe. „Herein!“ klang es von drinnen, und Heine Peterle trat ein. Ja, aber was war denn das?
„Uf!“ schrie Heine Peterle vor Schreck. Das war ja eine Schule! Hilf Himmel, er war in eine Schule geraten! Lauter kleine Mädchen saßen da und starrten ihn an, und am Pult stand der Herr Lehrer und – hielt einen großen Stock in der Hand. „Nur raus, nur fort!“ dachte Heine Peterle, und wutsch war er draußen. Aber da, potz Apfelkern und Pflaumenmus! ihm gegenüber öffnete sich auch eine Tür, und heraus kamen viele, viele kleine Mädchen, rechts und links; hinter ihm, überall taten sich Türen auf. Er sah viele Lehrer kommen und eine Unzahl kleine und größere Mädchen, und eine namenlose Angst ergriff ihn. Keuchend, den Kartoffelsack nach sich ziehend, wollte er die Treppe hinunterlaufen, aber der schwere Sack kam ihm zwischen die Füße, und holter die polter purzelten und kollerten Holzpantoffel, Pelzmütze, Heine Peterle und die Kartoffeln die Treppe hinunter. Das rumpelte und pumpelte nur so, und oben schrien, quietschten, lachten und kicherten all die großen und kleinen Mädchen, wie junge Böcklein sprangen einige von ihnen die Treppe herab dem Buben nach. Es war ein Höllenlärm, und als Heine Peterle verwirrt aufsah, da sah er mehrere Lehrer neben sich stehen, der mit dem Stock war auch dabei.
Heine Peterle besann sich nicht lange. Er ließ Holzpantoffel und Kartoffeln im Stich, nahm nur seine Mütze und raste in wilder Hast aus dem Hause hinaus, die Straße entlang. Hinter sich hörte er rufen, aber er sah nicht rechts, nicht links, er lief und lief immer weiter und weiter, stieß alle Menschen an, denen er begegnete, und es regnete Verwünschungen auf ihn herab. Man suchte ihn zu fangen. Bald lief eine Anzahl Menschen hinter ihm her, und einige Buben schrien: „Es brennt, es brennt!“ Aber je mehr sie schrien, desto mehr rannte Heine Peterle, und zuletzt lief er einem Schutzmann in die Arme. Der hielt ihn fest, und nun sollte Heine Peterle Rede und Antwort stehen.
„Was hat er getan?“ „Was hat er getan?“ „Warum rennt er so?“ „Warum hat er keine Schuhe an?“ so riefen und fragten die Menschen um ihn herum, aber Heine Peterle sagte immer nur: „Heim! Heim!“ weiter nichts.
„Heine Peterle, was machst du denn da?“ rief in dieser Not plötzlich eine Stimme, und Friede Hopserling hielt mit seinem Wagen an, er hatte von seinem erhöhten Sitz aus den Buben an seiner Pelzmütze erkannt.
„Ich will heim,“ schrie Heine Peterle, „heim!“ aber der Schutzmann ließ ihn nicht so schnell los, erst sollte er sagen, was er getan, und schluchzend erzählte er seine Erlebnisse. Da fingen alle an zu lachen, Friede Hopserling schüttelte sich ordentlich vor Lachen, selbst der Schutzmann lachte mit und hob den Buben selbst auf den Wagen.
Muckstill saß Heine Peterle, solange der Wagen noch durch die Stadt fuhr. Erst als das freie Feld kam, wagte er sich umzusehen, und da erblickte er in der Wagenecke auch seinen zerdrückten Kirschkuchen. Heisa, der schmeckte ihm wie noch nie! Daß er breitgesessen war, schadete gar nichts.
Der Wagen rollte auf der Landstraße dahin, Friede Hopserling war schweigsam wie immer, und wieder schlief Heine Peterle ein, und wieder weckte ihn sein Reisegefährte mit einem Rippenstoß: „Wir sind da!“ und Heine Peterle riß die Augen auf. Der Wagen fuhr die Dorfstraße entlang, da schrien einige Buben: „Da kommt Heine Peterle, Heine Peterle ist wieder da!“ Der Ruf pflanzte sich fort, die Mutter und Muhme Rese kamen aus dem Hause gelaufen, die Nachbarn kamen herbei, alle wollten sie wissen, warum Heine Peterle schon zurück sei.
Der Vater stand in der Haustür und lachte, und Friede Hopserling erzählte alles. „Dösbartel,“ rief der Vater, „Christianstraße heißt's, wie der Schäfer, und Nummer 10 ist es, dummer Junge, du hast doch zwei Hände!“