Wie alle schönen Tage, so ging auch dieser schulfreie Tag zu Ende. Aber er endigte nicht, wie das manchmal vorkommt, mit Zank und Tränen, Verdruß, Leibschmerzen und zerrissenen Kleidern, sondern er blieb schön, bis die Kinder in ihre Federbetten krochen. Anton Friedlich träumte in dieser Nacht, der Schulrat säße an seinem Bette und sagte, er, Anton, brauche von jetzt ab nur in die Schule zu gehen, wenn er Lust dazu hätte. Und Heine Peterle sagte, als er am andern Morgen die Augen aufschlug: „Wenn doch heute wieder der Schulrat käme!“
Aber er kam nicht, und es war Schule wie alle Tage.
Und drei Tage später hatten die Kinder wieder einen sehr wichtigen Grund, um sich „schulfrei“ zu wünschen.
Es war ein ereignisvoller Tag für Oberheudorf. Eine neue Feuerspritze wurde erwartet und sollte gleich probiert werden. Bisher hatten die Oberheudorfer eine Spritze besessen, die allemal erst spritzte, wenn das Feuer bereits vorbei war, und das war manchmal recht unangenehm. Einmal hatte da zum Beispiel das Dach vom Schulzenhaus gebrannt; die Spritze wurde angefahren, ehe sie aber in Ordnung war, hatte der Schulze eigenhändig drei Eimer Wasser auf das Dach gegossen, und aus war das Feuer. Und als dann alle so recht beim Begucken und Bereden waren, ging auf einmal die Spritze los, und quatsch! war die ganze Schulzenfamilie und einige Nachbarn dazu von unten bis oben naß. Man hatte darum in der Stadt eine neue Spritze bestellt, und der Schulze hatte angeordnet, daß die Spritze gerade kommen sollte, wenn Schule war. „Das neugierige Kindervolk ist nur im Wege,“ hatte er gemeint. Man muß sagen, nett war das nicht vom Schulzen, und die Kinder jammerten auch gehörig über diese Härte. Die Schule hatte noch nicht lange angefangen, als das Rollen eines Wagens erklang. „Ob das die Spritze ist?“ flüsterte der blaue Friede seinem Nachbarn zu, und Annchen Amsee puffte Mariele: „Du, die Spritze!“
Aber es war nicht die Spritze, sondern ein Wägelchen, in dem ein älterer Herr mit einer goldenen Brille auf der Nase saß. Das Wägelchen hielt vor dem Schulhause, und Heine Peterle schrie: „Herr Lehrer, 's kommt wer!“
„Dummer Junge, wer denn?“ rief der Lehrer ärgerlich.
„Ein dicker Herr, da ist er schon!“ rief Heine Peterle und zeigte mit einem rabenschwarzen Tintenfinger auf die Tür, die der Fremde gerade öffnete.
Weil just der Herr Lehrer die Türe und nicht sie ansah, wollte Krämers Trude, die so flink und keck wie ein Eichkätzchen war, den günstigen Augenblick benutzen und dem dicken Friede einen Papierball an den Kopf werfen, weil ihr der auf dem Schulwege die Schürze abgebunden hatte. Doch der Ball verfehlte sein Ziel und flog dem fremden Herrn an die Nase. „Oha,“ sagte der verblüfft, „das ist ja ein netter Empfang!“
„Pschrr,“ platzte Annchen Amsee heraus und „hahaha, hihihi, pschrr,“ kicherte und prustete das auf einmal an allen Ecken und Enden.
„Still!“ rief der Lehrer ärgerlich; aber wenn die Oberheudorfer Buben und Mädel einmal ins Lachen kamen, hörten sie so bald nicht wieder auf. Sicher, sie hatten den besten Willen, still zu sein, aber sie konnten es einfach nicht.