Der fremde Herr schüttelte erstaunt den Kopf, und der Lehrer nahm seinen Rohrstock, schlug auf das Pult und sagte streng: „Gleich seid ihr still!“
Da trat wirklich etwas Ruhe ein, und der Lehrer verneigte sich nun höflich vor dem Fremden und fragte: „Was wünschen Sie, mein Herr?“
„Ich bin der Schulrat Müller,“ gab der freundlich zur Antwort.
„Pschrrhu, hahaha, hihihi!“ ging das Gelächter wieder los, und Schnipfelbauers Fritz, der naseweiseste Bube im Dorf, rief: „Der war doch erst da!“ Dem Lehrer trat der Schweiß auf die Stirn, ihm erschien der heutige Schulrat viel glaubwürdiger als der andere, und er sagte ruhig und bestimmt: „Wer jetzt noch ein Wort spricht, der muß eine Woche lang jeden Tag eine Stunde dableiben!“
Da wurden die Kinder alle still, denn sie wußten, wenn der Herr Lehrer den Ton anschlug, hatte der Spaß ein Ende. Aber ein Spaß war es auch nicht, daß der fremde Herr wirklich der Schulrat war; der lustige junge Mann vor drei Tagen hatte des Wirtes Irrtum benutzt und aus Übermut die Rolle des Schulrates gespielt.
Ein klein wenig lachte der echte Schulrat, als er die Geschichte erfuhr, ans Freigeben aber dachte er nicht, sondern er schickte sich an, eine strenge Prüfung abzuhalten. Mit ernster Miene, die Hände auf den Rücken gelegt, spazierte er vor dem Katheder auf und ab und musterte scharf die Buben und Mädel. Denen wurde angst und bange bei diesen forschenden Blicken, das Lachen verging ihnen ganz und gar, und sie bekamen rote Köpfe vor Verlegenheit.
„Sage mir mal,“ fing der Herr Schulrat an und sah auf Schulzens Jakob, „wer war Karl der Große?“
Nun kannte Jakob jedes Pferd, jede Kuh und jedes Schaf im Dorfe, aber von den deutschen Kaisern hatte er keine Ahnung. Er sperrte denn auch seinen Mund auf, daß man ganz gut ein Dreierbrot hätte hineinstecken können; das war das Zeichen, daß Schulzens Jakob nachdachte. Auf einmal aber verklärte sich sein Gesicht, und mit strahlenden Augen rief er: „Windmüllers Ältester ist das!“
„Wer?“ fragte der Herr Schulrat verdutzt, der natürlich nicht wissen konnte, daß Windmüllers Ältester seiner ungewöhnlichen Länge wegen „der große Karl“ genannt wurde. Ärgerlich runzelte er daher die Stirn und rief: „Höre mal, mein Sohn, du bist“ – – – schiiih ging das da plötzlich draußen, und schwapp kam ein dicker Wasserstrahl durch das offene Fenster und überflutete den Schulrat und die Kinder. Schulzens Jakob bekam so viel Wasser in den Mund, daß er ihn vor Schreck schloß.
„Na, was soll denn das bedeuten?“ schrie der Schulrat prustend. „Das ist doch“ – – schiiih – kam ein zweiter Wasserstrahl in das Schulzimmer und traf gerade auf die Mädel, die quiekend unter die Tische krochen.