Zwei Feinde.
In Oberheudorf gab es drei Buben, die alle drei den Namen Friede trugen. Sie waren ziemlich in einem Alter, und ihre Kameraden hatten ihnen, damit sie beim Spielen nicht verwechselt wurden, Spitznamen gegeben: den einen nannten sie den dicken Friede, den andern den blauen Friede und den dritten Traumfriede.
Der dicke Friede trug seinen Namen eigentlich mit Unrecht, denn so dick war er gar nicht. „Er kann's noch werden, weil er so viel ißt,“ meinten aber die Oberheudorfer Kinder, und damit hatten sie freilich recht. Hungrig war der dicke Friede eigentlich immer, und er konnte zu jeder Tageszeit und Nachtzeit essen. Schlug er früh seine Augen auf, so schrie er schon: „Hab' ich mal 'nen Hunger!“ und eine Viertelstunde nach dem Mittagbrot, bei dem er so lange aß, als noch etwas in der Schüssel war, pflegte er zu sagen: „Mir rumpelt's so im Magen, 's scheint, ich könnt' 'ne Schnitte essen!“
Es war ein Glück, daß er als eines wohlhabenden Bauern Sohn zur Welt gekommen war. In ein Häusel, in dem Schmalhans Küchenmeister war, hätte er schlecht gepaßt. Übrigens war der dicke Friede ein kreuzbraver Junge; er lernte fleißig und vertrug sich mit allen seinen Kameraden, nur mit seinem Namensvetter, dem blauen Friede, nicht.
Die Mutter vom blauen Friede hatte einmal ein graues Tuch blau färben wollen, und da sie eine Färberstochter war, wollte sie auch das Färben selbst besorgen. Die Botenmarie sollte ihr darum Farbe aus der Stadt mitbringen. Die Frau schrieb also auf einen Zettel: Ein viertel Pfund Farbe, und darunter: Zehn Pfund Zucker; sie wollte nämlich Kuchen backen. Aber die Botenmarie verwechselte beides miteinander und brachte zehn Pfund Farbe und ein viertel Pfund Zucker. Mit der Farbe hätte ganz Oberheudorf blau gefärbt werden können. Die Bäuerin war auch sehr böse, aber was half es, der Kaufmann in der Stadt nahm die Farbe nicht zurück, und seitdem färbte Friedes Mutter alles, was ihr unter die Finger kam, schön kornblumenblau. Der Mann, die Frau, die Kinder, ja auch die Knechte und Mägde gingen immer in blauen Sachen. Die Farbe mußte doch verbraucht werden! Friede wurde darum der blaue Friede genannt, und sein Vaterhaus hieß der blaue Hof.
Der dritte Friede war ein armer Waisenjunge. Er war beim Kohlbauern, der im ganzen Dorfe seiner Härte und seines Geizes wegen verrufen war, in Pflege. Gut ging es ihm im Hause seines Pflegevaters wirklich nicht; es gab viel Arbeit, Schelte und Schläge, aber wenig zu essen. Niemand kümmerte sich sonst um den Buben, der still und verschlossen seines Weges ging. Auch in der Schule blieb Friede immer einsam. Er hätte wohl manchmal gern mit den andern Kindern gespielt, aber er traute sich nicht heran, und wenn er wirklich einmal gerufen wurde, dann wich er aus, denn er schämte sich, weil er immer in Lumpen ging. Das Lernen wurde ihm leicht, und er lernte auch gern, aber er hatte nie Zeit, ordentlich seine Arbeiten zu machen, und galt darum in der Schule als faul. Oft war er in der Schule auch so müde von all der schweren Arbeit, die er bei seinem Pflegevater verrichten mußte, daß er schon etliche Male eingeschlafen war. Darum wurde er auch spottend Traumfriede genannt. Der Name paßte gut für ihn, denn der Bube träumte wirklich viel, aber nicht, wenn er im Bett lag und schlief, sondern am hellen Tage mit offenen Augen. Lichte, heitere Träume, die wie Märchen waren, kamen dann zu ihm und machten sein Leben froh, und leicht vergaß er, wenn er so träumte, sein hartes Los.
Mit Traumfriede gaben sich die beiden andern Friede so wenig ab wie die andern Kinder; sie sprachen nicht mit ihm und zankten nicht mit ihm, sondern ließen ihn seines Weges gehen. Schlimm aber war es zwischen dem dicken Friede und dem blauen Friede: die konnten einander nicht leiden. Warum, wußte niemand, und sie selbst wußten es am allerwenigsten. Doch sie waren wie Hund und Katze zusammen. Ging einer hier, so ging der andere da; lachte der eine, so brummte der andere, und wenn einer dem andern einen Schabernack spielen konnte, tat er es mehr als gern. Vielleicht konnten sie sich darum nicht leiden, weil sie immer zusammen genannt wurden. Zu ihrem größten Ärger saßen sie auch nebeneinander in der Schule; denn weil der dicke Friede fleißig war, lernte auch der blaue Friede eifrig, und so kam es, daß sie gleich gut standen.
Die andern Kinder neckten die beiden Friede: „Du, Dicker,“ schrien sie, wenn der gerade sein Frühstück aß, „da kommt der Blaue,“ und dem armen Dicken verging dann beinahe der Appetit.