Einmal war der dicke Friede auf einem Kirschbaum eingeschlafen, da holte Anton Friedlich den blauen Friede und sagte, Heine Peterle sitze oben, er möchte ihn herunterholen. Flugs kletterte der Blaue hinauf, und als er oben den Dicken sah, wurde er fuchswild. Der Dicke, der durch diesen unverhofften Besuch unsanft aus seinem Schlaf gerissen wurde, schrie: „Gleich gehst runter, marsch!“
„Nä, das fällt mir net ein!“ trotzte der Blaue. „Das ist doch net dein Baum!“
„Aber ich war zuerst oben,“ knurrte der Dicke.
„Nachher kannst ja auch zuerst runter,“ gab sein Feind patzig zur Antwort.
So saßen sie eine Weile auf dem Baume und fauchten einander an wie zwei Katzen, und keiner wollte zuerst herunterklettern. Und unter dem Baum standen einige Buben und Mädel und riefen lachend: „Aber kommt doch nur! Komm, Blauer! Komm, Dicker!“
Die beiden Friede aber säßen wohl heute noch auf dem Baume, wenn die Schulglocke nicht geläutet hätte. Heidi, da fuhr ihnen der Schreck in die Glieder, und sie wollten beide zugleich hinunter. Darüber aber verloren sie das Gleichgewicht – und plumpsten herab wie zwei reife Kirschen.
Schaden tat ihnen der Fall nichts, und in die Schule kamen sie auch noch zur rechten Zeit, aber so böse waren sie aufeinander, als hätte einer dem andern etwas ganz Schlimmes zugefügt.
Ungefähr eine Viertelstunde von Oberheudorf entfernt lag ein großer Teich und dicht daneben ein kleiner Bauernhof, auf dem ein altes Ehepaar wohnte. Die beiden Alten hatten ihren großen Hof im Dorfe ihrem Sohne übergeben und lebten nun still und friedlich in dem kleinen Hause. Im Winter kamen die Oberheudorfer Kinder oft und liefen auf dem Teiche Schlittschuh; die alte Bauersfrau hatte dann stets einen großen Topf voll Kaffee auf dem Ofen stehen, und manch ein blaurot gefrorenes Bübchen oder Mädelchen kam zu ihr und erhielt eine Tasse des warmen Trankes.
An einem mäßig kalten Wintertage liefen die Kinder wieder auf dem Eise Schlittschuh; der dicke Friede und der blaue Friede waren auch dabei.
Schuster Pechdraht, der von Niederheudorf kam, rief den Kindern zu: „Nehmt euch in acht, das Eis ist noch nicht ganz fest!“