Als die beiden Buben am nächsten Morgen aufwachten, da waren sie putzmunter, und ihre Augen blitzten wie lauter dumme Streiche. Nicht einmal einen Schnupfen hatten sie, und die allerbesten Freunde waren sie. Sie sind es auch seitdem geblieben.
Ehrenjungfern und Buben.
Eine Stunde von Oberheudorf entfernt, an einem kleinen See, lieblich von Wald und Wiesen umgrenzt, lag ein Schloß. Es gehörte dem Herrn Grafen Dachhausen, der es immer im Sommer mit seiner Familie bewohnte. Wie man anderswo vielleicht sagt: „Die Störche sind da!“ so sagte man in Oberheudorf: „Grafens sind da!“ Das war das Zeichen, daß der Frühling kam. „Grafens“ besuchten in Oberheudorf die Kirche, und die Frau Gräfin kam auch manchmal in die Schule. Das war aber nicht so anstrengend, als wenn der Schulrat kam, sondern immer ein Festtag, denn die Frau Gräfin brachte gewöhnlich eine unglaublich große Zuckertüte mit, die freilich, wie leider alle Zuckertüten, im Umsehen leer war. Dann ließ die freundliche Dame sich einige Lieder vorsingen und verließ, nachdem sie noch der Frau Lehrerin einen Besuch abgestattet hatte, die Schule, und die Kinder riefen ihr immer sehr bittend nach: „Auf Wiedersehen!“
Wieder einmal waren „Grafens“ gekommen, und zugleich war mit Sonnenglanz und Blütenpracht der Frühling eingezogen. Im Schloß herrschte große Aufregung. Maler und Tapezierer arbeiteten darin herum; der Gärtner grub und pflanzte mit seinen Gehilfen vom frühen Morgen bis zum späten Abend im Park, und in der Küche saß stöhnend Mamsell Bertchen, die Wirtschafterin, und sagte: „Nächstens sterbe ich ganz gewiß!“ Sie wußte nämlich nicht, was für eine Pastete sie backen sollte. Schließlich gab sie das Stöhnen auf, blieb am Leben und buk drei Pasteten, „zur Auswahl“, wie sie sagte, eine aß sie aber ganz allein auf.
Im Schloß wurde hoher Besuch erwartet: der Landesfürst selbst sollte kommen. Ihm zur Ehre wurden alle Vorbereitungen getroffen, und der Graf und die Gräfin dachten sich allerlei aus, womit sie den vornehmen Gast erfreuen wollten. Unter anderem sollten ihm bei seiner Ankunft im Schloß kleine Mädchen in Landestracht Blumen überreichen.
In der Gegend, in der Oberheudorf liegt, haben die Dorfleute früher eine hübsche malerische Tracht getragen. Aber wie manchmal Kindern ihre schönen Spielsachen langweilig werden, so waren den Oberheudorfern auch ihre schönen Gewänder langweilig geworden, und nur die alten Frauen trugen sie noch hin und wieder. In manchen Familien lagen aber noch solche schöne, alte Sachen in den buntbemalten Truhen; an ihnen konnte man erkennen, wie stattlich früher die Oberheudorfer einhergegangen waren. Nach dem Muster dieser Gewänder wollte nun die Gräfin Dachhausen vier kleine Mädchen gekleidet haben, die sollten Verse sagen und Blumen bringen.