Die Mädchen wurden ängstlich, sie mußten doch gehen, und sie begannen laut zu rufen. Aber ihre Stimmen verhallten in der mittäglichen Stille, und nichts regte und rappelte sich.

Annchen Amsee ahnte zuerst die Wahrheit, sie rief plötzlich klagend: „Sie haben uns einen Streich gespielt, sie sind fortgelaufen mi–mit unsern Schu–schuhen!“ Die letzten Worte kamen nur stoßweise unter Tränen hervor, und als die andern ihre Kameradin weinen sahen, da wurde es ihnen klar, daß die Buben ihnen absichtlich Schuhe und Strümpfe weggetragen hatten. Sie brachen in ein jammervolles Geschrei aus und sanken einander in die Arme. Alle vier hielten sich umschlungen und weinten so, daß zwei Spatzenmütter, die auf einem Kirschbaum in der Nähe brüteten, vor Schreck und Mitgefühl aus dem Neste plumpsten. So dicht hatten die vier die Köpfe zusammengesteckt, daß immer einer die Tränen der andern über das Gesicht liefen. Wie ein Häuflein Unglück standen sie da mitten auf der Landstraße, und vor Schreien und Wehklagen sahen und hörten sie nicht, was um sie herum vorging.

Plötzlich packten sie starke Arme, und eine gutmütige Stimme sagte: „Aber Kinder, ihr werdet ja noch überfahren! Warum schreit ihr denn so?“

Vier heiße, tränenüberströmte Gesichtchen hoben sich zu dem Sprecher empor. Das war ein Mann, der einen braunen, mit goldenen Knöpfen besetzten Rock trug, kurze Hosen und lange, helle Gamaschen dazu. Und mitten auf der Landstraße hielt ein Wagen, in dem drei Herren saßen.

Oberheudorfer Buben- and Mädelgeschichten. [Seite 56.]

Einer von ihnen, ein älterer Mann mit einem milden, freundlichen Gesicht, rief: „Paul, bringe die Kinder doch einmal her, ich will fragen, was den armen Dingern fehlte.“

Paul nahm das Häuflein Mädel und schob es sanft nach dem Wagen hin.

„Ja, Kinder, sagt mir nur, warum weint ihr denn gar so fürchterlich?“ fragte der freundliche Herr.