„Huhuuu – unsere Schu–uhe!“ schrien Annchen, Liese, Röse und Mariandel wehklagend, aber mehr war nicht aus ihnen herauszubringen, soviel die Herren auch fragten.
Endlich nahm der eine von ihnen Annchen Amsee einfach in den Wagen und sagte gütig, aber ernst: „Jetzt, Kind, erzähle mir, was geschehen ist!“
Annchen Amsee erschrak, sie nahm sich jedoch zusammen und erzählte unter Tränen, was die Buben ihnen für einen Streich gespielt hatten, und als sie mit Erzählen fertig war, da brachen alle wieder von neuem in Wehklagen aus.
Die Herren lachten. „Ihr armen kleinen Dinger,“ sagte der, welcher zuerst gesprochen hatte, mitleidig. „Doch kommt, ich fahre auch nach dem Schloß, ich werde euch mitnehmen. Und daß ihr barfuß kommt, das schadet nichts; seid nur getrost, es wird schon alles gut werden!“
Ehe die vier recht wußten, was geschah, saßen sie alle in dem feinen Wagen. Ein bißchen eng war es freilich, aber schön war es auch, und die drei Herren trösteten die kleinen Ehrenjungfrauen so gütig, daß diese zuletzt ganz vergnügt wurden. So kam es, daß sie schon wieder ordentlich lachen konnten, als der Wagen in die breite Allee einfuhr, die zum Schlosse führte. In der Allee standen zwei Diener, die, als sie den Wagen erblickten, laut etwas riefen und rasch ins Schloß rannten. Auf der breiten Terrasse vor dem Schloß standen der Graf und die Gräfin und noch viele andere schöngekleidete Herren und Damen, und der Graf kam eilig die Treppe herabgelaufen und verbeugte sich sehr tief vor dem freundlichen älteren Herrn.
Kein anderer als der Herzog selbst war das.
Als die vier Mädelchen dies merkten, hätten sie beinahe vor Schreck und Verlegenheit wieder angefangen zu heulen, der Diener Paul aber meinte, Wasser sei doch schon genug geflossen, sie sollten doch lieber still sein. Das taten sie denn auch, ja sie lachten sogar mit, als der Herzog die Geschichte von den Schuhen erzählte und der Graf und seine Gäste herzlich darüber lachten. Der Herzog war früher, als er erwartet worden war, gekommen und meinte, es sei nur gut, daß er die kleinen Ehrenjungfern gleich mitgebracht hätte. Sie mußten noch ihr Sprüchlein sagen, und da sie es sehr gut konnten, wurden sie viel gelobt. In einem besonderen Zimmer wurde ein Tisch für sie gedeckt, und Annchen, Liese, Röse und Mariandel ließen sich all die guten Sachen, die ihnen vorgesetzt wurden, trefflich schmecken. Der Kummer um ihre Schuhe und Strümpfe hatte sie hungrig gemacht, auch schmeckten ihnen Braten, Kompott und Torte besser als ein Oberheudorfer Käsebrot.
Die vier Buben hatten, zu ihrer Ehre sei es gesagt, gar nicht die Absicht gehabt, den Mädeln Schuhe und Strümpfe ganz und gar wegzunehmen, sie hatten die vier nur etwas ängstigen wollen. Sie waren daher in den Wald gelaufen, und nach einer Viertelstunde ungefähr wollten sie die Sachen zurücktragen. Als sie so im Walde saßen, erblickten sie auf einmal den Waldhüter Leberecht Sperling, der von allen Buben Oberheudorfs gefürchtet wurde.
Leberecht Sperling glaubte nämlich, jeder Bube sei unnütz. Schön war das nicht von ihm, aber er glaubte es nun einmal. Traf er daher einen Buben im Walde, so hatte der seiner Ansicht nach irgend eine Dummheit begangen, und es war schon vorgekommen, daß er ohne irgend eine Vorrede diesen Buben einfach durchgewichst hatte. Kein Bube aber liebt dergleichen besonders, und es war nicht verwunderlich, daß die Buben Leberecht Sperling in der Entfernung lieber sahen als in der Nähe. Anton, Fritz, Heine Peterle und Jakob erschraken daher sehr, als sie den Waldhüter auf sich zukommen sahen, und weil sie obendrein ein grundschlechtes Gewissen hatten, nahmen sie Reißaus.
„Die haben etwas Dummes gemacht,“ dachte Leberecht Sperling, und da er recht lange Beine hatte, war die Sache nicht ungefährlich, und die vier Missetäter hatten auch gehörige Angst und waren heilfroh, als sie zum Walde raus waren und der Waldhüter von der Verfolgung abließ.