Das besinnliche Trinchen aber war nun ganz und gar nicht hochmütig, sondern im Gegenteil ein furchtbar schüchternes kleines Mädchen. Es war so ängstlich und zaghaft, daß es kaum zu sprechen wagte, und wenn jemand unversehens ein strenges Wort zu ihm sagte, war das Mädchen tief unglücklich. Nur aus Schüchternheit hielt sich Trinchen von den Gespielen fern. Ganz einfach hinzugehen und zu sagen: „Ich will mitspielen!“ das hätte die Kleine gar nicht fertiggebracht. Aus Schüchternheit wagte sie auch in der Schule nicht ordentlich zu antworten, obgleich sie die meisten Fragen hätte beantworten können und manchmal mehr wußte als die, die stolz mit ihrer Klugheit prahlten. Hatte Trinchen aber einmal etwas unrichtig gemacht und bekam darum Schelte, dann verlor sie alle Fassung und konnte überhaupt nicht antworten. Sie wurde dann „trotzig und verstockt“ genannt, und der Lehrer, der eigentlich sehr gütig war, bestrafte wohl aus diesem Grunde Trinchen besonders streng. Obendrein wurde sie auch noch von ihren Mitschülern ausgelacht, wenn sie so stumm und bleich dastand und kein Wörtchen sagen konnte.

Daheim im Elternhaus ging es dem besinnlichen Trinchen nicht besser. Des Kindes Mutter war früh gestorben, und als Trinchen sechs Jahre alt war, kam eine Stiefmutter ins Haus. Die alte Male, die schon bei Trinchens Mutter Kindsmagd gewesen war und nach dem Tode der Frau in der Mühle die Wirtschaft führte, sah scheel auf die neue Hausfrau. Sie erzählte in ihrem Ärger dem Trinchen lauter schreckliche Geschichten von bösen Stiefmüttern, die alle gar nicht wahr waren, und jagte dadurch der schüchternen Kleinen eine heillose Angst ein. Die neue Mutter war eine gütige, fröhliche Frau, die ihrem Stiefkinde ein Herz voll Liebe entgegenbrachte. Aber Trinchen in ihrer Schüchternheit, zu der noch die Angst vor der Stiefmutter kam, blieb dieser gegenüber so fremd und befangen, daß sie immer wie ein scheues Mäuslein im Hause herumhuschte.

Am unglücklichsten über diese Schüchternheit war das besinnliche Trinchen selbst. Niemand ahnte, wie tieftraurig die Kleine oft war, wie schrecklich einsam sie sich oft fühlte, denn sie hatte ein zärtliches, liebebedürftiges kleines Herz. In aller Stille hing sie zum Beispiel mit inniger Liebe an ihrer Stiefmutter, aber es dieser zu zeigen wagte sie nicht. Auch den Herrn Lehrer liebte Trinchen schwärmerisch, aber wenn die andern Kinder zutraulich zu ihm liefen und ihm von ihren Freuden und Leiden erzählten, da stand die Kleine abseits. Wie gern hätte Trinchen eine Freundin gehabt und hätte einmal vergnügt mit den andern gelacht oder wäre mit zu Muhme Lenelis gelaufen.

Manchmal, wenn sie einsam an einem verborgenen Plätzchen, etwa unter einer Trauerweide am Mühlbach, saß, da nahm sie sich vor, so zu sein wie die andern Kinder. Sie schwatzte lauter lustige Sachen vor sich hin, und wenn sie am nächsten Tag in die Schule kam, da war sie so still und scheu wie immer, da war sie wie eine jener Blumen, die ihren Kelch geschwind schließen, wenn eine Menschenhand sie berührt.

In der Oberheudorfer Schule saßen die Kinder alle in einer Klasse, die Kleinen unten und die Großen oben. Es gab aber außer dem eigentlichen Schulzimmer noch ein zweites, in dem hatten die Mädchen bei der Frau des Lehrers Handarbeitsstunde, oder diejenigen, die schreiben mußten, während die andern lasen, saßen darin. In diesem zweiten Schulzimmer stand ein großer Schrank, in dem Bücher, Landkarten, Kreide, Tinte und dergleichen aufbewahrt wurden. In dem Schrank stand auch eine kleine Sparbüchse. Wenn ein Kind Geburtstag hatte oder sonst ein besonders freudiger Tag war, dann erbat es sich daheim von seinen Eltern einige Pfennige, die in die Sparkasse getan wurden. In Niederheudorf war ein Armenhaus, in dem auch einige Oberheudorfer Arme wohnten, denen wurden zu Weihnachten dann von dem ersparten Geld kleine Geschenke gemacht.

An einem Herbsttag wanderte das besinnliche Trinchen noch zaghafter als sonst zur Schule. Es hatte nämlich einen Plan, von dessen Ausführung ihr schon seit Wochen bangte, und doch war sie glückselig bei dem Gedanken, ihr Plan könnte ihr gelingen.

Vor einiger Zeit hatte sie von einer Tante, die in der Stadt wohnte, einen hübschen Kasten mit allerlei kleinen, niedlichen Handarbeiten bekommen, ein Geschenk, das ihr viel Freude bereitet hatte, wenn von der Freude auch niemand etwas merkte. Unter den Arbeiten war auch ein zierliches, kleines Federkästchen gewesen, und in einer Stunde, in der das besinnliche Trinchen in aller Heimlichkeit lustig und unternehmend gewesen war, hatte es sich vorgenommen, das Kästchen dem Herrn Lehrer zu schenken. Acht Tage lang trug sie das ganz sauber gestickte Kästchen in ihrem Ranzen in die Schule, und jedesmal brachte sie es wieder heim: sie hatte es nicht gewagt, ihre Arbeit dem Herrn Lehrer zu geben. Schließlich nahm sie sich vor, sie wolle es ihm heimlich auf das Pult stellen, vielleicht würde er es gar nicht merken, daß die Gabe von ihr kam.

Der Schultag verlief wie alle Schultage. Einige Kinder hatten gut gelernt, einige weniger gut. Trinchen, deren Gedanken viel bei ihrem Kästchen waren, wußte einige ganz einfache Fragen nicht zu beantworten. Die andern Kinder lachten, und der Lehrer schalt und sagte die Antwort, die Trinchen wiederholen sollte. Die Kleine war durch Lachen und Schelte so verschüchtert, daß sie trotz aller Mühe, die sie sich gab, kein Wort herausbrachte.

„Du bist ein trotziges Kind,“ sagte der Herr Lehrer ärgerlich. „Nachher, wenn ich die neuen Bilder zeige, die ich gestern bekommen habe, gehst du in die andere Stube und schreibst die Antwort zehnmal auf.“

Trinchen stiegen die Tränen in die Augen, und zu allem Unheil machte sie in ihr neues Heft noch einen dicken Klecks. Tief unglücklich saß sie zusammengekauert wie ein kranker kleiner Spatz da, und als gegen Ende der Schule der Herr Lehrer die Bilder herausholte und alle Kinder vergnügte Gesichter bekamen, schlich sie traurig in das Nebenzimmer.