Wie alt Muhme Lenelis war, wußte niemand genau. „Siebenmal so alt wie du und noch was drüber,“ sagte sie zu Schulzens Jakob, als dieser neun Jahre zählte.

Am äußersten Ende des Dorfes, dort wo des Schulzen Haselnußberg etwas steil in die Höhe stieg, lag Muhme Lenelis' Haus. Eigentlich war es nur eine Hütte, an der das Größte und Schönste die breite Feueresse war. „Eine rechte Feueresse gehört zur Gemütlichkeit,“ pflegte Muhme Lenelis zu sagen, wenn sie an ihrem Herd stand und durch das Essenloch, das sich unten zu einem Rauchfang erweiterte, den blauen Himmel leuchten sah.

Das Häuschen war niedrig und eng. Es hatte nur eine Stube und eine schmale, dunkle Kammer, in der die alte Frau Holz, Milch, Brot, und was sie sonst im Hause hatte, aufbewahrte. Ein winziger Stall, in dem eine Ziege und etliche Hühner eng, aber gemütlich zusammenwohnten, und ein kleiner Garten, in dem Bohnen, Kartoffeln, Rosen, Gurken, Feuerlilien, Mohrrüben, Malven, Himbeeren und noch vielerlei kunterbunt durcheinander wuchsen, gehörten noch zum Häuschen. Daraus kann jeder sehen, daß Muhme Lenelis nicht reich war, nein, eigentlich war sie arm; sie mußte sich recht mühsam ihr bißchen Zubrot durch Beeren- und Kräutersuchen verdienen.

Manch einer hätte da gejammert und gestöhnt, doch daran dachte Muhme Lenelis nicht; sie war immer vergnügt und guter Dinge. Plagte sie einmal das Reißen, oder war ihr der Kaffee ausgegangen, und sie hatte kein Geld, sich welchen zu kaufen, dann sagte sie: „Das Leben ist wie eine Butterschnitte. Manchmal kommt eine Stelle, wo gerade keine Butter hingekommen ist, da muß man eben ruhig weiter essen, bis wieder Butter kommt.“ Und dampfte dann wieder Kaffee in ihrer braunen Kanne, dann sagte sie schmunzelnd: „Seht, jetzt bin ich wieder an einer guten Stelle bei meinem Lebensbutterbrot.“

Obgleich nun Muhme Lenelis arm, alt und dazu recht häßlich war, liebten sie doch alle Kinder. „Das kommt von ihrem guten Herzen,“ sagte die Schulzenfrau stets, wenn sie von der Muhme sprach.

Im Sommer, wenn es in Wald und Feld so viel zu bewundern und zu begucken gab und der Tag voller Lust und Leben war, vergaßen die Oberheudorfer Buben und Mädel freilich manchmal, Muhme Lenelis zu besuchen. Aber im Winter, wenn die Sonne das Zubettgehen gar nicht erwarten konnte, da saßen immer etliche Wildfänge in Muhme Lenelis' Stube und bettelten: „Muhme, erzähl doch was!“

Ja, erzählen, das konnte Muhme Lenelis am allerbesten im ganzen Dorf. Tausend noch mal, waren das Geschichten! Da spielten die allerschönsten Prinzessinnen mit kleinen dummen Bauernbuben Federball und Blindekuh oder fuhren in goldenen Kutschen einher, und Schlösser gab es in den Geschichten, die waren so schön, daß des Grafen Dachhausen Schloß dagegen nur ein ganz einfaches Haus war. Mit goldenen Kronen, silbernen Gewändern und Edelsteinen warf Muhme Lenelis in ihren Geschichten umher wie die Kinder im Herbst mit Kastanien, und die guten Feen brachten gleich ganze Erntewagen voll Geschenke an. Leider spielten diese Geschichten alle im Märchenlande, und das liegt bekanntlich hinter dem Berge „Irgendwo“ an der Straße „Nirgendshin“ im Walde „Ichweißnichtwie“. Muhme Lenelis aber hatte sicher ein Zaubertränklein, denn solange sie erzählte, verwandelte sich ihre dürftige Stube in den wunderlieblichsten Märchengarten, in dem die Oberheudorfer Kinder sehr vergnügt umherspazierten.

Zwei Kinder im Dorfe nur kamen nicht zu Muhme Lenelis außer den Kleinen, die noch nicht gehen und sprechen konnten, das war das besinnliche Trinchen, zu dem ging Muhme Lenelis erst dann, als es krank lag, und der Traumfriede. Ach, und der Bube wäre doch brennend gern zu der alten Frau gelaufen, aber sein Herr und Pflegevater litt es nicht, weil er Muhme Lenelis nicht leiden konnte. Böse Menschen haben mit den guten nicht gern etwas zu schaffen, und der Kohlbauer schaute der alten Frau nicht gern in ihre klugen, klaren Augen. Sonst kamen sie alle: Schulzens Jakob, Annchen Amsee, Heine Peterle, und wie sie alle hießen.

Sie kamen und saßen in Muhme Lenelis' Stube, und wer besonders brav gewesen war, der durfte ein Weilchen auf einem mit verschossenem roten Samt bezogenen Sessel sitzen. Dieser Sessel war die größte Kostbarkeit, die die alte Frau besaß. Sie hatte ihn einmal von einer Kammerfrau der Gräfin erhalten, der sie Kräutertee als Heilmittel für eine schlimme Grippe gebracht hatte. Die Kammerfrau wieder hatte den Stuhl von der Frau Gräfin bekommen, weil der Samt Flecke hatte und außerdem zwei Beine wackelten. Aus diesem Grunde mußte man auch immer ganz vorsichtig auf dem Sessel sitzen, und die Oberheudorfer Kinder saßen, wenn sie diese hohe Ehre erreichten, so steif und still auf dem ehemaligen gräflichen Sessel, wie etwa ein Kaiser auf dem Throne sitzt.

Am schönsten war es so um Weihnachten herum bei Muhme Lenelis. Vier Wochen vorher roch es dort schon weihnachtlich. Die Muhme lachte immer, wenn die Kinder kamen, ihre Näschen in die Luft reckten und wie Hundchen schnuppernd riefen: „Hier riecht's nach Weihnachten!“ Flugs warf dann die alte Frau noch einige Tannenzapfen in das Feuer. Das prasselte und sprühte, und ein feiner, süßer Weihnachtsduft zog durch das Zimmer.