Am ersten Adventsonntag wurde in dem Häuschen ein Fest gefeiert, da gab es Bratäpfel. Der große Apfelbaum, der neben dem Hause stand wie ein großer, guter Wächter, sorgte dafür, daß die Muhme jeden Herbst etliche Körbe voll Äpfel einernten konnte. Ein bißchen hart und säuerlich waren die Früchte zwar, aber Muhme Lenelis meinte, der Baum sei eben ein Bratäpfelbaum, dagegen sei nichts zu sagen. Alle Kinder stimmten ihr zu, und wer nur einen einzigen Bratapfel bei Muhme Lenelis gegessen hatte, der erklärte sicher, daß nirgends auf der weiten Welt bessere Bratäpfel zu finden seien.
Überhaupt war alles in und um Muhme Lenelis Haus von ganz besonderer Art. Die schwarzweiße Ziege, die den für Ziegen etwas ungewöhnlichen Namen Friederike führte, war nach der Muhme Aussage ein über alle Maßen kluges Tier. Ein Zeichen ihrer Klugheit war schon, daß es ihr in der Stube besser als im Stalle gefiel, namentlich im Winter, wenn es im Stalle kalt war. Erzählte ihre Herrin eine Geschichte, so verhielt sich Friederike meist still, aber nicht immer, und Muhme Lenelis sagte dann stolz. „Sie hört zu! Wenn sie nur sprechen könnte, sie könnte sicher die schönsten Geschichten erzählen!“
Die Kinder behandelten Friederike sehr respektvoll. Schulzens Jakob, der immer gern alles studieren wollte, nahm es sich einmal vor, am heiligen Abend um Mitternacht in Muhme Lenelis Stall zu gehen, vielleicht konnte da Friederike sprechen, weil man doch sagt, daß die Tiere in dieser heiligen Nacht wie die Menschen reden können. Anton Friedlich und Heine Peterle wollten mit ihm gehen, aber dann hatten sie alle drei zu viel Pfefferkuchen gegessen und Weihnachtspunsch getrunken und verschliefen die Zeit. Sie sagten zwar „nächstes Jahr“, aber da war es ebenso, und darum erfuhren die Kinder nie, ob Friederike wirklich schöne Geschichten erzählen konnte.
Von besonderer Klugheit war auch Schnurpsel, der Kater. Auch von ihm sagte Muhme Lenelis, er sei ein ganz besonderer Kater, so einer, wie sie in Märchen vorkommen. Schnurpsel ging auch immer so stolz einher, als sei er ein Prinz, und er konnte neben einer bis zum Rande gefüllten Milchschüssel liegen, ohne in die Katzenuntugend des Naschens zu verfallen. Nein, so etwas tat Schnurpsel nicht, dazu war er viel zu würdevoll.
Er stellte auch nicht Mimi, der Amsel, nach, die auch eine von Muhme Lenelis Hausgenossen war. Die Muhme hatte das Tierchen einst mit gebrochenem Flügel auf einer Wiese gefunden, es heimgetragen und gesund gepflegt. Im Sommer saß Mimi in dem kleinen, blütenreichen Gärtchen und pfiff die allerschönsten Lieder, im Winter aber blieb sie in der Stube und spazierte nur bei hellem Sonnenschein ein wenig draußen herum. Mimi vertrug sich so gut mit Schnurpsel, daß sie manchmal sogar auf seinem Rücken saß, was sich der Kater mit behaglichem Schnurren gefallen ließ.
„Zank und Streit kommen bei uns nicht vor,“ pflegte Muhme Lenelis zu sagen, wenn sie mit Friederike, Schnurpsel und Mimi in ihrem Stübchen saß. Auch die Kinder, die zu Besuch kamen, ließen Zank und Streit draußen. Selbst der blaue und der dicke Friede vertrugen sich miteinander, als sie noch Feinde waren, wenn sie bei der Muhme weilten, und manchen Streit, der Geschwister oder Freunde entzweit hatte, schlichtete die alte Frau mit klugen und gütigen Worten.
Wieder einmal stand der erste Advent und das Bratäpfelfest vor der Türe. Etliche Tage vorher wisperten und flüsterten die Kinder schon von dem Fest, zu dem Muhme Lenelis erstens eine neue Geschichte und zweitens Pfefferkuchen versprochen hatte. Die Pfefferkuchen, die die Muhme ihren Gästen vorsetzte, waren weder sehr groß noch sehr mit Mandeln gespickt. Es waren recht einfache, billige Kuchen, und doch schmeckten sie den Kindern stets über die Maßen gut; vielleicht machte sie die große Liebe, mit der sie gegeben wurden, so besonders schmackhaft.
An dem Sonnabend vor dem Feste rüstete sich Muhme Lenelis am Morgen zur Fahrt in die Stadt, um dort die Pfefferkuchen zu kaufen. Sie holte sie jedes Jahr bei einer als geizig verschrieenen Konditorsfrau, die das größte Geschäft in der Stadt hatte. Der Gastwirt Kaspar auf dem Berge fuhr auch nach der Stadt und hatte sich erboten, Muhme Lenelis mitzunehmen. Zurück mußte sie freilich gehen, aber sie fürchtete sich nicht vor dem langen Wege und lachte vergnügt, als einige Buben ihr versicherten, sie würden ihr entgegenkommen und sie in ihrem Handschlitten heimfahren. Heine Peterle warnte die Muhme noch sehr dringlich vor allerhand Gefahren in der Stadt, und als sein Vater ihm vorschlug doch mitzufahren, lief er mit puterrotem Gesicht wütend aus der Stube.
Muhme Lenelis kam wohlbehalten in der Stadt an und ging in den Pfefferkuchenladen, in dem so viele Leute waren, daß die alte Frau ganz verlegen wurde. Aber die Konditorsfrau, die sie von Ansehen kannte, sprach freundlich zu ihr, und die Muhme brachte ihr Anliegen vor und erzählte dabei treuherzig, wozu sie so viele kleine Pfefferkuchen brauchte. Etliche junge Mädchen bedienten die Kunden und packten die eingekauften Waren in große Pakete zusammen. Nachdem Muhme Lenelis eine ganze Weile gewartet hatte und etliche Male nach ihren Wünschen gefragt worden war, legte eines der Mädchen ihr ein recht umfangreiches Paket in den Tragkorb. Die alte Frau nahm ihre mühsam gesparten Groschen aus ihrem Beutel, händigte sie der Konditorsfrau ein und ging, noch einen sehnsüchtigen Blick auf alle im Laden aufgestellten Herrlichkeiten werfend, mit freundlichem Gruß von dannen. Unterwegs dachte sie an all die Kasten voll feiner Schokoladenbonbons, an die Marzipanfrüchte und bunten Kuchen. Wie gern hätte sie für ihre kleinen Freunde und Freundinnen in Oberheudorf recht viel eingekauft!
Der lange Weg wurde ihr nicht lang, obgleich die Pfefferkuchen merkwürdig schwer im Korbe lagen. Muhme Lenelis dachte an die Geschichte, die sie morgen erzählen wollte, und sonst noch an allerlei liebe, freundliche Dinge und stapfte dabei wohlgemut weiter. Zart und weich rieselten die Flocken hernieder. Es war nicht kalt, aber doch blieb der Schnee liegen. Es sah ganz weihnachtlich feierlich aus, und die Muhme geriet in eine so fröhliche Weihnachtsstimmung, wie nur ein guter Mensch sie empfinden kann.