Alle Kinder liefen den Weg zurück, um die verloren gegangene Muhme zu suchen, während die Erwachsenen nicht weiter beunruhigt in ihre Häuser zurückkehrten.
Muhme Lenelis saß inzwischen schon in ihrem Stübchen und schickte sich gerade an, Kaffee zu kochen, als sie das laute Geschrei der Kinder vernahm, die, nachdem sie sie nicht auf dem Wege gefunden hatten, sie in ihrem Hause suchten. Der Muhme saß der Schalk im Nacken. Flugs schloß sie die Haustür zu und verhielt sich mäuschenstill, soviel die Kinder draußen auch klopften und riefen. „Sie ist nicht da,“ riefen sie endlich jammernd und rannten in das Dorf zurück.
Unterwegs begegneten sie dem Gendarm. Das war ein freundlicher, gutmütiger Mann, mit dem alle Buben und Mädel gute Freundschaft hielten. „Muhme Lenelis ist verschwunden,“ klagten sie ihm, und der Gendarm ließ sich die Sache genau beschreiben, zog die Stirn in tiefe Falten und sagte: „Ganz gewiß liegt die Muhme irgendwo halbtot oder mindestens mit einem gebrochenen Bein oder zwei Löchern im Kopf am Wege.“
Was ein Gendarm sagt, ist von großer Wichtigkeit. Auch die Erwachsenen bekamen Angst, und man begann die verloren gegangene Muhme zu suchen. Leise kam schon die Dämmerung herbei, als sich alle wieder dem Dorfe näherten. Nirgends hatten sie die Muhme finden können.
„Bei der Muhme Lenelis raucht es ja!“ rief plötzlich Waldbauers Mariandel mit klingender Stimme. Und richtig, aus der dicken Esse stieg der Rauch empor, und plötzlich erhellten sich auch die niedrigen Fenster. Muhme Lenelis war also daheim. Alle waren froh darüber, daß die Geschichte so gut abgelaufen war, die fünf Fahrer aber wurden weidlich ausgelacht und zogen recht beschämt von dannen.
Am nächsten Tage aber stellten sie sich vergnügt und pünktlich zum Bratäpfelfeste ein. Muhme Lenelis Stube konnte die Schar der Gäste kaum fassen. Weil die Muhme weder genug Stühle, Bänke, Wascheimer und alte Kisten hatte, saßen etliche Buben und Mädel auf der Erde, als sei nicht Oberheudorf, sondern die Türkei ihre Heimat. Die Muhme hatte Strohbündel auf den Boden gelegt. Da saßen die Gäste warm und weich, und es gab viel Kichern und Lachen, als die Muhme jedem einen heißen Bratapfel zuwarf. Dann holte sie das Pfefferkuchenpaket hervor und begann es aufzuschnüren.
„Es ist so groß!“ schrie Schnipfelbauers Fritz.
„Ja,“ sagte die Muhme erstaunt, die bis jetzt das Paket in ihrem Tragkorbe hatte liegen lassen, „und so schwer ist es!“
Die Neugierde wurde lebendig in den kleinen Gästen, sie zitterten und zappelten und konnten es gar nicht erwarten, bis die Hülle fiel.
Aber das war auch eine Überraschung!