Potz tausend, was war da alles in dem Paket! Muhme Lenelis setzte sich vor lauter Verwunderung auf den roten Samtstuhl und rief ein über das andere Mal: „Du meine Güte, die gute, gute Konditorsfrau!“ Dabei packte sie etliche Tüten feine Schokoladenbonbons aus, einen großen Kasten Marzipanfrüchte, Zuckerkringel, Makronen und Pfefferkuchen.
Die Kinder jubelten, jauchzten und umdrängten die gute Muhme und warfen sie beinahe mit all den süßen Herrlichkeiten und dem roten Polsterstuhl über den Haufen. Und dann ging ein Schmausen los. Es war wie bei einem Gastmahl in einem Feenschloß. Selbst Schnurpsel geruhte einen kleinen Kuchen zu verzehren, und Mimi pickte an einem Zuckerkringel herum; nur Friederike sah verächtlich auf all die Süßigkeiten.
Muhme Lenelis teilte alles ein. Wer daheim noch kleine Geschwister hatte, durfte diesen noch etwas mitbringen. Laut erklang bei diesem fröhlichen Feste das Lob der guten Konditorsfrau, die diese Überraschung bereitet hatte, und die Muhme beschloß, in den nächsten Tagen noch einmal nach der Stadt zu wandern, um ihren Dank abzustatten.
Sie tat das auch am nächsten Freitag. Da fuhr Friede Hopserling mal wieder in die Stadt und erklärte sich bereit, die Muhme mitzunehmen. Friede Hopserling war seit seiner Fahrt mit Heine Peterle noch nicht redseliger geworden, und Muhme Lenelis hatte daher Zeit, sich eine wunderschöne Dankrede einzustudieren. Die gute Frau konnte, wenn es darauf ankam, so flink reden, daß so leicht niemand zu Worte kam. Die Dankesrede murmelte sie einigemal leise vor sich hin. Sie gefiel ihr selbst ungemein, und sie konnte sie auch wirklich ganz vortrefflich.
Als daher Friede Hopserling in der Stadt vor der Konditorei hielt, konnte es Muhme Lenelis kaum noch erwarten, ihr Sprüchlein zu sagen. Mit einer Geschwindigkeit, als sei sie noch ein blutjunges Dirnlein, kletterte sie vom Wagen herab und lief flugs in den Laden hinein, in dem wieder viele Käufer waren, gerade auf die Konditorsfrau zu, die breit und behäbig an der Kasse saß. Ehe diese noch wußte, wie ihr geschah, hatte Muhme Lenelis ihre Hand ergriffen, drückte sie herzhaft und sprudelte ihren Dank hervor.
Die Konditorsfrau starrte die Sprechende an, als erblicke sie ein Gespenst. Mitunter schnappte sie nach Luft und wollte etwas sagen, aber Muhme Lenelis ließ sich nicht unterbrechen, und ihre Rede war infolge der langen Fahrt auch recht lang geworden; es dauerte daher eine geraume Zeit, ehe sie fertig war.
Friede Hopserling, der versprochen hatte, auf seinen Fahrgast zu warten, wurde ungeduldig und knallte mit der Peitsche und schrie so laut, daß alle Leute auf der Straße sich entsetzt umsahen: „Abfahren!“ Muhme Lenelis erschrak und sprach noch schneller als vorher. Sie drückte der Konditorsfrau immer wieder die Hand, dankte der engelsguten Frau, wie sie sie nannte, und verließ dann eilfertig den Laden. Draußen kletterte sie dann vergnügt auf den Wagen, und Friede Hopserling fuhr los, denn er hatte das Mehl in eine andere Stadtgegend zu bringen.
Muhme Lenelis war von Herzen froh, daß sie ihren Dank angebracht hatte. Sie ahnte nicht, daß die Konditorsfrau wütend war und vor Ärger fast verging. Die Sache mit dem Paket war nämlich eine Verwechslung. Eine reiche Dame hatte all die schönen Sachen eingekauft und war sehr beleidigt über die kleinen, armseligen Pfefferkuchen gewesen, die man ihr dann zugeschickt hatte. Die Konditorsfrau hatte Muhme Lenelis' Namen und Wohnort nicht gekannt und hatte diese daher nicht zur Zurückgabe des Paketes auffordern können. Was half aber aller Ärger? Die feinen Schokoladenbonbons und Marzipanfrüchte waren aufgegessen. Wohl schalt die Konditorsfrau, als sie endlich nach Muhme Lenelis' Abgang zu Worte kam, heftig, aber da saß die alte Bauersfrau schon wieder neben Friede Hopserling und erzählte diesem von der „engelsguten Konditorsfrau“. Diese tobte und ärgerte sich so, daß sie am Nachmittag Leibschmerzen bekam und sich ins Bett legen mußte; es war beinahe so, als hätte sie alle Schokoladenbonbons allein aufgegessen.
Ja, so geht das manchmal im Leben. Die Konditorsfrau, die ihren Nebenmenschen nicht die Fettaugen auf der Wassersuppe gönnte, stand von nun an bei den Oberheudorfer Buben und Mädeln im höchsten Ansehen. Vielleicht erfahren die erst durch diese Geschichte, wie unfreiwillig die süße Überraschung an Muhme Lenelis' Bratäpfelfest ihnen zuteil geworden ist.