Da nun gerade Sommerferien waren, in denen Landkinder keine Badereisen machen, sondern fleißig in Haus und Hof helfen müssen, sagten die Bauern: „Die Mädel mögen halt die Gänse hüten!“ Zwei Mädel zusammen mußten also immer eine Woche lang die Gänse auf die Weide führen, und wenn die Woche vorbei war, dann kamen zwei andere dran.

Den Mädeln gefiel das ganz gut, und die Buben waren wütend; sie meinten, Gänsehüten sei leichter als Korn aufladen. Und schwer hatten es die Hüterinnen auch wirklich nicht; sie konnten im Schatten eines Baumes sitzen, schwätzen, mit Blumen spielen oder stricken. Die Gänse waren sehr gut erzogen und watschelten nicht weg.

An Oberheudorf vorbei fließt ein Bächlein durch ein schmales Wiesental. Das ist ein Gänsetummelplatz, wie er nicht schöner zu finden ist.

An einem sehr warmen Sommertag saßen Krämers Trude und Bäckermeisters Mariele dort unter einer großen Traueresche und walteten ihres Amtes als Gänsehüterinnen. Faul, nur manchmal leise schnatternd, lagen die Gänse auf der Wiese, und die beiden Mädel machten es ihnen nach. Sie lagen am Bachrand und guckten in die Luft. Sie hatten weder Lust zu spielen noch zu stricken, denn es war sehr schwül, und den beiden fielen schon bald die Augen zu.

„Mariele, schlaf doch nicht!“ murmelte Trude und puffte die Freundin in die Seite.

„Ich schlaf' ja nicht,“ lallte Mariele, riß die Augen weit auf und schloß sie gleich wieder.

„Faulpelz“ brummte Trude und drehte sich auf die andere Seite. Sie blinzelte nach den Gänsen hin, die ruhig im Grase lagen, dann nahm sie ihre Schürze und deckte sie sich über das Gesicht, denn die Sonne schien durch das Blättergewirr hindurch gerade auf ihre kleine, dicke Nase. Und auf einmal schritt das Trudelchen unversehens durch einen Garten voll lustiger Träume, und das Mariele an ihrer Seite spazierte ebenso vergnügt im Traumland herum. Mariele träumte etwas so überaus Lustiges, daß sie im Schlaf hell auflachte, von dem Lachen aber wurde Krämers Trude munter, und erschrocken richtete sie sich auf. Sie sah sich verschlafen um. Wo war sie denn eigentlich? Sie saß auf der Wiese dicht am Bach, – aber wo waren denn die Gänse?

Trude riß ihre Augen auf, soweit sie nur konnte, aber die Gänse erblickte sie nicht.

„Mariele,“ schrie sie ängstlich, „wach auf, die Gänse sind weg!“

Wenn das Mariele aber schlief, dann schlief es. Ein Murmeltierchen war leichter munter zu bekommen als das kleine, dicke Mädel.