„Wir müssen aufs Dach klettern,“ sagten die vier, und dabei sah einer den andern an, und jeder dachte: „So was darf man doch nicht in Sonntagshosen!“

Traumfriede hatte die Verlegenheit der Schulkameraden gemerkt, er überwand seine Scheu und kam hilfsbereit näher: „Ich steige auf den Apfelbaum,“ sagte er, „und von da aufs Dach und hole den Drachen.“

Ehe noch einer der Buben antworten konnte, begann Traumfriede schon, den Baum zu ersteigen, und in wenigen Minuten stand er auf Muhme Lenelis' Dach. Scheu sahen die andern nach den Fenstern des Häuschens; sie wußten, daß die Muhme es nicht leiden konnte, wenn ihr jemand aufs Dach stieg. „Leicht kann man einbrechen,“ meinte sie. Sie mochte wohl recht haben, denn das Dach war morsch und schadhaft wie das ganze Häuschen.

Aber die Muhme merkte nichts. Sie stand, angetan mit ihrem steifen, schwarzen Sonntagsrock, mitten in der Stube und schlug gerade ein blendend weißes Taschentuch um das abgegriffene Gesangbuch. Auf dem Herd stand ein großer Topf voll Wasser, in dem ein winziges Stückchen Fleisch schwamm. Das sollte das Sonntagsessen der alten Frau werden, sie hatte es gerade zugesetzt. Sie trat noch einmal an den Ofen, um noch ein Stückchen Torf auf die glimmende Glut zu legen, als sie auf einmal erschrocken emporsah. Oben an der Esse war es dunkel geworden, da hing ein seltsames Ding. „Du meine Güte,“ rief die Muhme erschrocken, „was ist denn das für 'n Vogel?“

Das Ding wackelte hin und her, und der Muhme wurde es ganz unheimlich zumute. „Was is'n nur das? Nä, wie sonderbar!“ murmelte sie und trat einen Schritt zurück.

Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten. Seite [175.]

Da fiel ihr ihr Suppentopf ein. „Wenn da was rein fällt!“ dachte sie und trat wieder an den Herd, um einen Deckel auf den Topf zu stülpen.

In diesem Augenblick aber geschah etwas Furchtbares. Es rasselte und polterte, schrie und purzelte, sauste durch den Schornstein herab, und plötzlich saß ein kohlschwarzes, brüllendes Etwas auf Muhme Lenelis' Suppentopf.