„Alle guten Geister!“ schrie die Muhme und setzte sich vor Schreck platt auf die Erde und starrte das schwarze Ding auf ihrem Herde an.

Vier runde, rote Bubengesichter wurden an einem der Fenster sichtbar, vier Nasen drückten sich an den kleinen Scheiben fast platt, und angstvoll starrten vier Augenpaare in die Stube. Und als die vier Lauscher Muhme Lenelis auf der Erde sitzen sahen, bekamen sie einen heillosen Schrecken.

Aber schon richtete sich die alte Frau wieder auf. Sie hatte nämlich gesehen, daß das schwarze Etwas auf ihrem Suppentopf zwei schöne, blaue Augen hatte, in denen große Tränen standen, und da war es gleich mit ihrer Angst vorbei. Sie packte den seltsamen Gast mit starkem Griff, hob ihn vom Herd herunter und sagte kurz: „Du verbrennst dir noch die Hosen!“

Aber die waren nicht verbrannt, sondern klatschnaß, und mit kläglicher Miene schaute Traumfriede, denn er war der seltsame Gast, zur Muhme auf. Die legte ihr Gesicht in strenge Falten, während ein heimliches Lachen in ihren Augen lag, und sagte: „Warum biste denn durch'n Schornstein gekommen und nicht durch die Türe?“

In diesem Augenblick bemerkte die Muhme die vier Bubengesichter am Fenster und rief: „Ei, ihr freches Gesindel, was macht ihr denn da?“

Die vier wußten ganz genau, wie der Muhme strenge Worte gemeint waren. Flugs kamen sie in die Stube, da sie sahen, daß Traumfriede unversehrt auf seinen beiden Beinen stand. Die vier erzählten der Muhme gleich mit einem so stürmischen Eifer die Drachengeschichte, daß diese von allem Geschwätz kein Wort verstand und schließlich gebot: „Drei halten den Schnabel, und einer soll reden.„ Weil jeder der eine sein wollte, plapperten sie wieder untereinander; zuletzt erfuhr aber die Muhme doch die Geschichte. Der Drachen hing noch immer oben an der Esse. Traumfriede war bei dem Bemühen, ihn loszulösen, in den Schornstein gefallen. „Wie 'n Essenkehrer sieht er aus,“ sagte Schnipfelbauers Fritz voll Bewunderung und sah den Buben, der so ein seltsames Abenteuer erlebt hatte, ordentlich ehrfurchtsvoll an.

Durch diesen Essensturz war Traumfriede sehr in der Achtung seiner Mitschüler gestiegen. Das war doch noch mal was! Von einem Baume konnte jeder herunterfallen, aber in einen Schornstein und in einen Suppentopf hineinzufallen, war etwas Besonderes.

Bimbam, bimbam! begannen draußen die Glocken zu tönen. Über ganz Oberheudorf schallte die eherne Stimme und rief die Dorfleute in die kleine weiße Kirche, die ein wenig höher als alle Häuser lag.

Muhme Lenelis und die Buben horchten auf. „Ihr müßt gehen!“ sagte die alte Frau. „Marsch, sputet euch, seid fein andächtig! Der Drachen mag jetzt hängen bleiben, nachher bitte ich den Nachbar Töpfel, daß er ihn herunterholt, der hat 'ne lange Leiter.“

Die Buben trollten sich, und auch Traumfriede wollte die Stube verlassen, aber Muhme Lenelis ergriff ihn gerade noch am Jackenzipfel. „Bleib hier!“ gebot sie kurz. „So'n Schmierpeter kann nicht in die Kirche gehen. Komm, ich putz dich erst ab.“