Traumfriede blieb mit gesenktem Kopfe stehen, und als die vier Buben das Zimmer verlassen hatten, sagte Muhme Lenelis mild und mitleidig: „Armer Kerl du, hast gewiß keine andern Sachen!“

Traumfriede nickte stumm. In dem blitzsauberen Stübchen der Muhme empfand er erst so recht die schmutzige Armseligkeit seiner Kleidung.

Muhme Lenelis war allzeit mehr für das rasche Zugreifen als für das lange Besinnen. Sie legte daher auch kurz entschlossen ihre Sonntagshaube und ihr Kirchentuch sorgfältig ab, holte eine braune Decke herbei und gebot Traumfriede, er solle seine Sachen ausziehen und sich in die Decke wickeln. Während der Bube das tat, setzte sie eilig frisches Wasser auf den Ofen, stellte eine Blechschüssel zurecht, in der Traumfriede sich waschen sollte, und wirtschaftete so herum, während die Kirchenglocken draußen allmählich verklangen. Jemand in einer Not beizustehen, war in Muhme Lenelis' Augen auch ein Kirchgang, darum gab sie auch unbedenklich ihren Vorsatz auf und wusch und flickte Traumfriedes Sachen.

Es war so gemütlich und traulich in dem Stübchen, die Sonne schien so hell durch die blitzblank geputzten Scheiben, als sei es Sommertag. Schnurpsel schnurrte, und Mimi dachte bei dem Sonnenschein an blühende Obstbäume und Rosenhecken und stimmte ein fröhliches Lied an. Traumfriede verlor all seine Schüchternheit und antwortete freimütig auf alle Fragen, die Muhme Lenelis an ihn richtete. Viel Gutes bekam die Muhme da freilich nicht zu hören, und manchmal wischte sie sich verstohlen die Tränen aus den Augen und murmelte leise: „Armer Bube!“

Und ein armer Bube war Traumfriede wirklich. Er mußte hart und schwer arbeiten, bekam bei seinem Pflegevater kein freundliches Wort zu hören und nicht satt zu essen, aber desto mehr Prügel. Niemand kümmerte sich um den Waisenjungen, und niemand hatte ihn mehr lieb, seit das besinnliche Trinchen tot war. Die Müllerin hatte ihn zwar nach dem Tode ihres Kindes aufgefordert, er solle sie besuchen, aber dazu war er zu schüchtern gewesen.

Muhme Lenelis dachte, während der Knabe erzählte, an einen kleinen Strauß aus blassen Glockenblumen, roten Brombeerblättern und Kleeblüten, der auf Trinchens Totenbett gelegen hatte. Der Strauß hatte ihr gezeigt, was für ein gutes, treues Herz der arme Waisenknabe besaß. Sie hielt plötzlich im Flicken inne und dachte seufzend an ihre Armut. „'s geht nicht!“ murmelte sie, und dann wurde sie ganz still und nähte nur um so eifriger.

Als sie endlich fertig war, war auch die Suppe fertig gekocht, aber Muhme Lenelis behauptete auf einmal, sie habe kein bißchen Hunger, und so mußte Traumfriede alles aufessen. Ja ein Stück Apfelkuchen, das die Schulzenfrau der Muhme zum Sonntag geschickt hatte, bekam der Bube auch noch. Der hatte zum erstenmal in seinem Leben das Gefühl, ordentlich satt zu sein. Dann ging er mit treuherzigem Danke weg, und Muhme Lenelis sah ihm traurig nach. „Wenn ich nur ein bißchen mehr zu verzehren hätte,“ dachte sie, „gleich würde ich den Buben ins Haus nehmen.“

Am nächsten Tage war der schöne Sonnenschein zu Ende. Kalter, feuchter Nebel rieselte leise herab, und Heine Peterle machte ein wütendes Gesicht, weil er den Drachen, den Nachbar Töpfel wirklich vom Dach geholt hatte, wieder nicht fliegen lassen konnte. Das trübe Wetter hielt an, und die Kinder begannen von Weihnachten und von Muhme Lenelis' Bratäpfelfest zu reden.

Muhme Lenelis saß gegen Abend in ihrem Stübchen dicht am Ofen, strickte und dachte an allerlei, auch an Traumfriede. Ein leises Rascheln und Knittern an ihrer Türe ließ sie aufsehen; es mochte wohl eins der Dorfkinder sein, das sie besuchen wollte. „'s findet die Klinke nicht,“ dachte die Muhme, stand auf und öffnete die Türe.

Husch verschwand da jemand in der Dunkelheit, aber obgleich die Muhme Lenelis siebenmal so alt als Schulzens Jakob und noch etwas drüber war, konnte sie doch noch sehr schnell laufen. Eins, zwei, drei hatte sie den Flüchtling gepackt und zog ihn in den Lichtstrom, der zur Türe heraus in die Dunkelheit floß. „Na nu, was machst denn du hier draußen?“ fragte die Muhme und sah den Buben an, den sie festhielt. Es war Traumfriede.