„Muhme Lenelis ist weich wie Käsekuchen, aber sie kann grob wie Kieselsteine sein,“ hatte die Schulzenfrau einmal gesagt, die große Stücke auf die Muhme hielt und ihr manches zuliebe tat. Als Muhme Lenelis nun an diesem Novemberabend vor den Pfarrer trat, da war sie weich wie Käsekuchen. Sie sagte dem Pfarrer, sie sei zwar eine blutarme Frau, aber der Traumfriede gefalle ihr so gut, daß sie den Buben gern zu sich nehmen möchte, der Herr Pfarrer solle ihr dazu helfen.
Aber das konnte der Pfarrer nicht. Die Gemeinde hatte dem Kohlbauern den Buben in Pflege gegeben und bezahlte das Kostgeld; er konnte weiter nichts tun, als dem Schulzen die Sache ans Herz legen, und das wollte er sehr gern tun.
„Das dauert zu lange,“ sagte Muhme Lenelis entschlossen, „gleich auf der Stelle muß ich den Buben haben. Ich geh' ins Wirtshaus, da sitzen sie alle zusammen, und ich gebe nicht eher nach, als bis ich den Buben zugesprochen krieg'!“
Damit ging sie hinaus. Auf der Straße traf sie die Schulzenfrau. Der erzählte sie alles, und die Schulzenfrau sagte. „Ich will auch mitgehen! Wir wollen noch die Schnipfelbäuerin holen, die kann noch besser reden als ich!“ Damit war die Muhme wohl einverstanden. Sie holten die Schnipfelbäuerin, und so zogen alle nach dem Wirtshaus, wo der Kohlbauer mit dem Schulzen und etlichen andern Bauern an einem Tische saß.
Traumfriede war das Herz zentnerschwer, als er in das Gastzimmer trat, und hätte die Muhme ihn nicht gar so fest gehalten, dann wäre er sicher ausgerissen. Muhme Lenelis hatte einen alten Groll auf den Kohlbauern, der seines Geizes und seiner Roheit wegen in der ganzen Gegend berüchtigt war; nur weil er so reich war, wagten die andern Bauern nicht recht ihm entgegenzutreten, so feige das auch war. Wohl wußten sie es alle, daß es Traumfriede schlecht bei dem Kohlbauern hatte, aber sie ließen die Sache gehen und beschwerten ihr Herz nicht mit der Sorge um ein armes Waisenkind.
Weich wie Käsekuchen war Muhme Lenelis hier nicht, sondern noch gröber als Kieselsteine. Kein Mensch hätte je der kleinen, freundlichen Muhme zugetraut, daß sie so viel und so grob reden könne. Sie hielt dem Kohlbauern seine Sünden so eindringlich vor, daß der reiche Bauer nicht wußte, wo er vor Verlegenheit hinsehen sollte. Aufstehen und ausreißen konnte er auch nicht, denn die Schulzenfrau und die Schnipfelbäuerin, zu denen sich noch die Wirtsfrau gesellt hatte, versperrten den Weg, und allemal wenn Muhme Lenelis eine neue Schandtat des Bauern aufzählte, riefen die drei: „So ist's, das stimmt, gebt's ihm nur ordentlich!“
Die andern Bauern hörten Muhme Lenelis' Strafrede so lange mit heimlichem Frohlocken an, bis die alte Frau sich zu ihnen wandte und ihnen sagte, wie bitter unrecht es sei, sich so wenig um eines armen Waisenkindes Ergehen zu kümmern.
„Das stimmt!“ schrien die drei Frauen. Jede nahm sich im stillen vor, gleich morgen etwas für Traumfriede herzugeben, denn alle drei hatten ein schlechtes Gewissen, weil sie nie an den armen Knaben gedacht hatten.
„Sie kann ja den Bengel selbst behalten! Nicht mehr ins Haus darf er mir!“ schrie endlich der Kohlbauer und entwischte, indem er sich an den Frauen vorbeidrängte.
Muhme Lenelis frohlockte, aber sie ging nicht eher, bis sie nicht den andern Bauern die Sache noch einmal dringend ans Herz gelegt und diese ihr mit Handschlag versprochen hatten, Traumfriede dürfe bei ihr bleiben. Da zogen die Frauen endlich zufrieden von dannen. Die Schulzenfrau, die Wirtin und die Schnipfelbäuerin aber trugen allerlei Eßwaren herbei. Die eine schenkte noch ein Kopfkissen, die andere eine Decke und die dritte versprach einen Anzug.