Das Ständchen.
Daß die Oberheudorfer Buben und Mädel den Herrn Lehrer manchmal weidlich ärgerten und ihm das Leben recht schwer machten, wird jeder glauben, der es hört. Jeder darf es aber auch getrost glauben, daß die Oberheudorfer Kinder ihren Lehrer herzlich lieb hatten, wenn es auch manchmal nicht sehr zu spüren war. Es kann wenigstens niemand denken, daß es Liebe ist, wenn die Buben während der Stunde mit Papierballen schnipsen oder sich unter dem Tische knuffen und puffen, oder wenn die Mädel schwatzen, als wären sie Gänslein, die auf der Weide herumspazieren. Für Liebe läßt es sich auch schwer halten, wenn die Kinder handgroße Kleckse in die Schreibhefte machen und für die Lesestunde ihre Rechenbücher mitbringen oder aus Versehen (so haben sie wenigstens gesagt) ihre Honigbrote verkehrt auf den Stuhl des Herrn Lehrers legen, daß der Honig auf dem Stuhl kleben bleibt und der Lehrer dann auch festklebt. Daß es gerade Liebe war, als Schnipfelbauers Fritz einen Kasten voll Maikäfer mitbrachte, die er in der Geographiestunde fliegen ließ, und Anton Friedlich eine Maus ins Pult steckte, die dem Herrn Lehrer beinahe an die Nase sprang, wird niemand denken. Und ähnliche Liebesbeweise gab es öfter in der Oberheudorfer Schule, und doch liebten die Buben und Mädel ihren Lehrer wirklich aufrichtig. Sagten die Niederheudorfer Kinder: „Unser Lehrer ist gut,“ dann schrien die Oberheudorfer sicher, so laut sie konnten: „Unser Lehrer ist viel, viel besser!“
Der Herr Lehrer selbst war von dieser großen Liebe nicht sehr überzeugt, und als man ihm eines Tages eine Stelle in der Stadt anbot, sagte er, er wolle sich die Sache überlegen. Noch ehe er aber ja oder nein gesagt hatte, erfuhren die Oberheudorfer davon, und die Kinder erschraken heftig. Standen zwei in diesen Tagen zusammen, so sagten sie sicher zueinander: „Glaubst du, daß er geht?“
Es war so gerade um die Frühlingswende. Der Schnee begann Abschied von der Erde zu nehmen, und die Kinder, die im Winter sein Erscheinen mit Jubel begrüßt hatten, klagten: „Wenn er doch erst weg wäre!“
Friede Hopserling, der Müllerknecht, der noch immer Heine Peterles besonderer Freund war, stand auf dem Mühlenhof und strich den Mehlwagen von oben bis unten mit himmelblauer Farbe an. Heine Peterle, Schulzens Jakob und noch etliche andere Buben kamen gerade an der Mühle vorbei, und als sie Friede Hopserling sahen, liefen sie rasch auf ihn zu und begrüßten ihn sehr lebhaft und freudig.
„Hm,“ sagte Friede Hopserling, der nicht gern viel sprach, aber gern Gesellschaft um sich hatte.
„Weißt du schon, Friede, daß der Herr Lehrer weggeht?“ begann Schulzens Jakob die Unterhaltung.
„Nä!“ sagte Friede und schwenkte eine Weile vor Erstaunen seinen Pinsel in der Luft herum. Beinahe wäre er Anton Friedlich damit ins Gesicht gefahren, der flüchtete aber gerade noch zur rechten Zeit.
„Du weißt das nicht?“ rief Heine Peterle überrascht.