Freilich trauerten die Sternbübles doch trotz ihrer guten Fleißvorsätze jedem Ferientag nach. Wieder einer vorbei, wie schnell das ging! Unglaublich, welche Eile die Uhren in Ferienzeiten haben; es fällt ihnen gar nicht ein, einmal ein bißchen still zu stehen und sich zu besinnen: heute ist's gerade so schön, da wollen wir einmal langsamer unser Ticktack schlagen.

Nur Alette Amhag fand, die Uhren gingen im Schneckengang. Ihr dehnten sich die Stunden, und wenn sie die Freunde draußen auf der Löwengasse jauchzen hörte, dann seufzte sie und dachte: Ach, wär ich dabei! Sie mußte noch immer viele Stunden im Bett liegen, und die Zeit für Besuche war karg bemessen. »Sie sind alle sehr nett, aber für Krankenbesuche nicht recht geeignet,« sagte Frau Tippelmann. Trotzdem tat es ihr selbst bitter leid, als sie hörte, am ersten Osterfeiertag wollten sie allesamt über Land fahren, die aus der Linde und die aus dem Stern. »Niemand bleibt bei mir,« klagte Alette, als Trinle ihr dies am Ostersonnabend erzählte.

Die Grills wollten zu einem Onkel Pfarrer, der auf einem Dorf, zwei Stunden von Breitenwert entfernt, wohnte, und die Sternkinder waren auch von einer Landmuhme eingeladen worden. Draußen lockte und lachte die Sonne auch gar zu fröhlich, und überall hatte der Frühling schon seine holde Arbeit begonnen.

Wer wollte da daheim bleiben? Die Löwengasse war ja hübsch, aber draußen, ja draußen war es doch schöner im Frühlingssonnenschein und im ersten frischen Grün.

Alettes Klage ging Trinle Grill freilich sehr zu Herzen, und sie erzählte Gundel davon, just als die von ihrer Freude sprach, daß sie zur Landmuhme fahren dürfte. Gundel wurde still, Alettes Einsamkeit nahm ihr die rechte Freude, und sie sagte endlich, fast wie frohes Hoffen klang es: »Vielleicht regnet's gar am Ostertag.«

Es regnete aber nicht. Die Sonne schien schon am Samstag, als wollte sie allen zurufen: »Rüstet euch, rüstet euch, morgen gibt's Feiertagswetter!« Und dann gab es einen köstlichen Morgen, und in der Linde und im Silbernen Stern purzelten die Kinder beinahe vor lauter Eilfertigkeit aus den Betten, nur Gundel Hinz nicht. Die blieb daheim, sie hatte ihre Mutter darum gebeten, und die hatte es erlaubt. Den Bübles war es nicht ganz recht, aber als sie hörten, Gundel blieb, um Alette zu besuchen, da stimmten sie zu. Sie versprachen der Schwester Frühlingsblumen und Festtagskuchen, versprachen der Mutter allergrößte Bravheit und zogen dann genau so selig in die Frühlingsherrlichkeit hinaus wie die Lindenkinder. Alette Amhag hörte wieder das Jubeln und Jauchzen auf der Löwengasse, und sie wurde darüber traurig. Nicht einmal die schönen Ostereier, die ihr Laura aufbaute, konnten sie recht trösten; der Tag lag gar zu lang und einsam vor ihr.

Doch als draußen die Kirchenglocken wieder sangen und auf der Löwengasse die Stimmen der heimkehrenden Kirchengänger ertönten, klopfte es an Alettes Tür. Gundel kam, der Kranken zu Trost und Freude.

An diesem Tage gewann sich Hinkegundel eine zweite Freundin, und für die beiden Mädeles wurde es ein schöner, fröhlicher Feiertag. Gundels Traum wurde zur Wahrheit; sie konnte der wirklichen Alette Amhag Geschichten erzählen, feine, liebe Märchen, und Alette, die noch wenig Märchen kannte, lauschte so still und zufrieden, daß Frau Tippelmann sagte: »Gundel kann kommen, sooft sie mag; die paßt gut an ein Krankenbett. Wie gut, daß sie daheimgeblieben ist.«

Am nächsten Morgen standen schöne Frühlingsblumen an Alettes Bett; die Ausflügler hatten ihre kranke Freundin nicht vergessen. Sie kamen auch, erzählten, es wäre wunderschön gewesen, und Alette bekam die allergrößte Lust, bald, bald im Frühlingssonnenschein spazierenzugehen. Selbst Laura sagte: »Wenn man die Kinder reden hört, meint man, eine schönere Gegend als die Breitenwerter gibt's in der ganzen Welt nicht. Herr Häferlein tut auch, als hätte hier mindestens das Paradies gelegen.«