Ein paar Tage später aber schimpfte jemand laut und vernehmlich über das häßliche Breitenwert, seine krummen Gäßlein und seine Menschen, die allzu neugierig und vorwitzig wären. Frau van Bachhoven war es. Sie kam auf einmal – eins, zwei, drei – ganz unerwartet schnell angereist. Sie wollte Alette holen. Das gab eine Aufregung in der Rose und drüben in der Linde, und als die Nachricht in den Silbernen Stern gelangte, stürzten die Bübles auf die Straße, als müßten sie Alette Amhag wieder aus Wassersnot befreien.

Am heftigsten aber erschrak Alette Amhag selbst. Als die die tiefe, etwas rollende Stimme Frau van Bachhovens hörte, wurde sie totenbleich, und diesmal lief Frau Tippelmann, um Herrn Häferlein nach dem Arzt zu schicken. Der sollte kommen und helfen. Inzwischen gab es einen bösen Auftritt zwischen der Dame und Fräulein Laura. Frau van Bachhoven machte Laura die allerbittersten Vorwürfe, meinte, die sei schuld, daß Alette noch hier sei, und verlangte, sie solle sofort die Sachen packen.

»Ich darf nicht, Frau Tippelmann erlaubt das nicht,« rief Laura, die sich gar nicht mehr zu helfen wußte.

»Die Frau hat nichts zu erlauben, sie ist eine Dienerin, damit fertig!« schrie Frau van Bachhoven geärgert. Nun gerade, weil alle nicht wollten, sollte Alette zu ihr kommen. Sie war es so gewohnt, um ihres Reichtums willen jeden Wunsch erfüllt zu sehen, daß dieser unerhörte Widerstand sie heftig reizte. Alette Amhag erschien ihr wie ein Spielzeug; sie wollte sie haben um jeden Preis. Sie schrie Frau Tippelmann zornig an, als die kam, sie zu begrüßen: »Sofort wird eingepackt, das Kind kommt mit mir; da gibt es keinen Widerspruch.«

»Den gibt es doch,« sagte Frau Tippelmann ganz ruhig. Sie war an Alettes Lehnstuhl getreten, in dem die Kleine in der Sonne saß, und streichelte sanft das weinende Kind. »Du bleibst hier, Alette Amhag.«

Frau van Bachhoven rollte ihre Augen ganz fürchterlich, und Laura kroch entsetzt in einen Winkel. Lieber Himmel, dachte sie, Frau Tippelmann weiß gar nicht, wie böse die Dame werden kann, und schließlich müssen wir ihr doch gehorchen und mitreisen, da ist nichts zu machen.

»Was erdreisten Sie sich?« rief Frau van Bachhoven. »Sie sind eine Dienerin und haben zu gehorchen, verstanden?«

»Mit Verlaub, das habe ich nicht!« Frau Tippelmanns Stimme klang ganz ruhig. »Ich bin eine Amhag wie das Kind hier. Mein Vater selig und Herrn Amhags Großvater waren Brüder; ich bin also Alettes Großtante. Ihr Vater hat mir damals geschrieben, ich möchte für sein Kind sorgen; das tue ich. Erst habe ich gemeint, Alette wollte nicht hierbleiben, nun ich aber weiß, daß Alette hier glücklich ist, lasse ich sie nicht fort, bis ihr Vater es anders bestimmt.«

»Sie – eine – Verwandte?« Frau van Bachhoven sah die in ein ganz einfaches blaues Hauskleid gekleidete alte Frau von oben bis unten verächtlich an. Sie lachte höhnisch: »Wer Ihnen das glaubt!«