»Das ist schon wahr, ganz gewiß wahr, meine Gnädige,« sagte da von der Türe her der alte freundliche Doktor. »Frau Tippelmann ist eine Amhag und des Kindes leibhaftige Großtante. Und die Reise darf sie nicht einmal erlauben, denn die erlaube ich auch nicht. Das Kind ist noch krank und darf nicht in der Welt herumgeschleppt werden, damit basta! Gelt, kleine Alette, du willst noch bei uns bleiben?«
Alette gab keine Antwort. Die hielt Frau Tippelmanns Hand fest umschlungen und sah mit strahlenden Augen zu der alten Frau auf. »Meine Großtante,« flüsterte sie, »meine Großtante!«
»Ja, Kind, die bin ich. Und deinen Großvater habe ich noch gekannt. Ich war damals ein kleines, dummes Mädele, als er die Heimat verließ. Aber ich sehe ihn noch heute hinten im Garten an der alten Linde lehnen. Er hat geweint, als sollte ihm das Herz brechen, daß er fort mußte aus einer lieben Heimat. Ich habe dann manchmal gedacht, er ist wohl nie wieder gekommen, weil er den neuen Abschied gefürchtet hat, denn Breitenwert und das alte Rosenhaus war ihm der liebste Ort der Welt. Die Heimat ist eben die Heimat.«
Frau van Bachhoven war ganz still geworden. Sie begriff nicht, wie jemand an einer so kleinen Stadt, an einem alten Hause so hängen konnte. Es war ihr, als spräche die alte Frau da eine ganz fremde Sprache. Doch merkwürdigerweise schien Alette Amhag, dieses Kind, das sie zum Zeitvertreib gern bei sich haben wollte, die fremde Sprache zu verstehen. Auch Laura, das törichte Mädchen, sah ganz so aus, als hätte Frau Tippelmann etwas Wunderschönes gesagt.
»Das ist das dumme deutsche Gemüt!« rief die reiche Dame endlich ärgerlich. »Was ist an einem solchen alten Haus? Alette, besinne dich, ich will dich mit nach Paris nehmen und dann in die Schweiz, da ist es doch schöner als hier.«
»Ich will hierbleiben bei – meiner Großtante,« sagte Alette leise.
»Und Sie, Laura?« Frau van Bachhoven sah Laura forschend an. Die knickste verlegen, einmal, zweimal. Freilich, Breitenwert war ein rechtes Nest, die Rose immerhin ein einfaches Haus, aber da war Alette, die Löwengasse, die Kinder, Herr Häferlein, der gute Nachbar, in dessen Laden sie immer an ihre glückliche Kindheit denken mußte; sie atmete tief und sagte dann schnell: »Wenn es Ihnen recht ist, gnädige Frau, dann möchte ich schon hier bei Alette bleiben, bis ihr Vater kommt.«
»Meinetwegen,« brummte die Dame. »Hier scheinen alle verhext zu sein.« Sie stockte und sah sich in dem großen Zimmer um, an dessen Fenster Frühlingsblumen blühten, und das so einfach, so hell und freundlich aussah. »Vielleicht würde ich es auch noch, wenn ich hierbliebe.«
Da trat Frau Tippelmann rasch vor und bat: »Ein paar Stunden sollten Sie doch bleiben, gnädige Frau. Alette ist Ihnen doch dankbar, daß Sie gekommen sind.«