»So ist's im Leben,« antwortete Frau Tippelmann schelmisch, »wenn mancher Mann wüßte, wer mancher Mann wär, gäb mancher Mann manchem Mann manchmal mehr Ehr.«
»O je, schon wieder ein Sprichwort!« rief Laura lachend. »So viele habe ich ja nicht in der Schule gelernt; hier werde ich noch gelehrt wie ein Professor.«
»Hm,« sagte Frau Tippelmann schmunzelnd, »es heißt aber: Je mehr einer lernt, desto mehr sieht er ein, wie wenig er kann. Doch nun muß unser Kind zu Bette gehen. Draußen auf dem Löwengäßle ist's schon ganz dunkel, und mir scheint, der Sandmann spaziert schon herein.«
Vierzehntes Kapitel.
Der Zöpflesstreit.
Alette möchte eine Geschichte hören, Laura will erzählen, Frau Tippelmann will erzählen, aber die Sternbuben zeigen sich als sehr ungläubig, und schließlich wird aus der Geschichte keine Geschichte, und die Kinder kommen so geschwind wie noch nie aus dem Rosenhaus auf das Löwengäßle hinaus.
Wenn einer krank liegt, hat er viel Zeit zum Sinnen und Denken. Das sind dann oft wunderreiche Tage, namentlich wenn die Krankheit schon an der Türe steht und sagt: »Nun mach ich mich wieder davon; ich habe dich genug geplagt, du armes Menschlein.« Man sieht die böse Krankheit gehen, ist noch matt, aber fühlt es doch jeden Tag: ich werde gesund. Und das Stilleliegen und Stilleseinmüssen tut dann so wohl, und der Kranke, der sonst in aller Unruhe seines Lebens nicht Zeit zum Nachdenken hat, kann dann einmal im eigenen Herzen spazierengehen und sich darin umsehen. Es tut gut dieses Spazierengehen in seinem Herzen. Da findet der Mensch manchmal Winkel, die er selbst nicht recht kennt, und erstaunt wohl über all die unguten Dinge, die da aufgestapelt liegen. In einer Ecke liegt da ein Häuflein Neid und Eifersucht, in der andern ein Bündelchen Hochmut und ein Reis Überheblichkeit schießt daneben empor. Ein anderer sieht bei solchem Umschauen die Eitelkeit protzig im Winkel sitzen, er blickt der Lüge in die falschen Augen, und dem oder jenem fällt allerlei ein, was er über liebe Menschen Häßliches gesagt hat. Doch wer erst die schlimme Unordnung sieht, der findet wohl auch die Kraft aufzuräumen. In den Tagen des langsamen Besserwerdens ist die Seele des Menschen oft wie ein Gärtlein im Lenz. Liebliche Blumen blühen empor, köstlicher Same keimt, und der Mensch selbst hat Zeit, fein säuberlich das Unkraut zu jäten.
Es läßt sich aber auch gut träumen von vergangenen Tagen in der Zeit der Genesung, auch an heitere Stunden der Zukunft denkt der Mensch da gern.