Alette Amhag nun gehörte zu jenen, die still nachdenken können, und weil ihre Herzstübchen alle blank und heil waren, kein Unrat in den Winkeln lag, dachte sie viel an ihren fernen Vater, an die große Welt und das kleine Löwengäßle. Darum lag sie auch, als es ihr besser ging, mit frohen Augen im Bett, und Frau Tippelmann und Fräulein Laura sagten oft zueinander: »Unsere Alette pflegen, ist wirklich leicht; mit den Sternbübles wäre das wohl ein schlimmes Ding.« Ja, manchmal seufzte Frau Tippelmann ein wenig und meinte: »Es wäre gut, wenn Alette manchmal einen Wunsch hätte.«

Und eines Tages hatte Alette Amhag dann wirklich einen großen Wunsch; ihr fiel auf einmal der Großtante Geschichte ein, die ihr die noch nicht erzählt hatte. Ganz eilig rief Alette, nachdem ihr die unterschlagene Geschichte eingefallen war: »Laura, liebste Laura, hole doch die Tante, sie muß mir eine Geschichte erzählen.«

»Na, das kann ich doch auch!« sagte Laura etwas gekränkt. »Ich weiß alle möglichen Geschichten, eine von einem Jungen, der in den Krieg zog und dann auf einmal einen Grafen heiratete, weil er nämlich gar kein Junge, sondern ein wunderschönes Mädchen war, und dann noch eine von einer Frau, die so gerne Rosinen und Mandeln aß, daß sie schließlich träumte, sie wäre ein riesengroßer Kuchen geworden, und – – –«

»Nein, nein,« rief Alette lachend, »die Geschichten will ich nicht hören, Laura; ich will eine hören von damals, als noch meine Ururgroßeltern in der Löwengasse wohnten.«

»Ach, das werden gewiß recht langweilige Geschichten sein,« brummelte Laura; »aber meinetwegen, es gibt ja auch Menschen, die hören lieber Leierkasten spielen als Klavier, und ich mag lieber Blechmusik; so ist das nun einmal.« Nach dieser schönen Rede ging sie dann doch, um Frau Tippelmann zu holen. Nach einem Weilchen kam sie wieder und sagte betrübt. »Frau Tippelmann kann nicht erzählen.«

»Warum denn nicht?« fragte Alette erschrocken. »Sie hat es mir doch versprochen!«

»Ja freilich, und ein Versprechen muß man halten, das ist schon wahr, aber Frau Tippelmann kann das nun jetzt nicht tun, sie ist nämlich weggegangen.«

Da konnte sie freilich keine Geschichte erzählen. Alette sah das ein, doch weil sie nun gerade zuhörlustig war, ließ sie sich von Laura die merkwürdige Begebenheit berichten von der Dame, die so gerne Rosinen und Mandeln gegessen hatte. Laura erzählte sehr eifrig. Alette hörte nicht minder eifrig zu, und just als die sonderbare Dame dabei war, sich für einen schönen dicken Weihnachtskuchen zu halten, ging es tripp, trapp im Hausflur, und Laura und Alette purzelten beide aus der Geschichte in die Wirklichkeit zurück und riefen: »Die Sternbübles.«

Die waren es wirklich, aber sie kamen nicht allein; zwei Minuten später ging es wieder tripp, trapp, da kamen sie aus der Linde, und zuletzt tönte ein langsamer bedächtiger Schritt: Frau Tippelmann kehrte heim.

Laura berichtete von Alettes Wunsch, sie sagte: »Schade, daß nun gerade die Kinder gekommen sind, da wird es nichts aus der Geschichte werden.«