»Warum nicht?« erwiderte Frau Tippelmann. »Es ist besser, ich erzähle eine Geschichte, da sind die andern ruhig; die Sternbübles schreien heute ohnehin wieder, als wären sie Jahrmarktsausrufer. Davon wird unser Alettchen nur müde und matt; das stille Zuhören ist gesünder.«

Dieser Meinung waren die Gäste just an diesem Nachmittag nicht, am wenigsten die Sternbübles. So gern sie auch sonst Geschichten hörten, heute hatten sie selbst allerlei zu erzählen und zu fragen. Da war am Morgen einer Bauersfrau eine höchst sonderbare Sache zugestoßen; die hatte sich aus einem ganz unerfindlichen Grunde auf ihren eigenen Eierkorb gesetzt, was weder ihrem Rock noch den Eiern gut bekommen war. Die Sternbübles hatten schon Bauchschmerzen vor Lachen darüber bekommen, und sie brannten darauf, reden zu dürfen. Aber Frau Tippelmann fragte wenig danach, was sie wollten oder nicht; sie sagte einfach: »Ich erzähle, damit Punktum, Streusand drauf, und nun aufgepaßt!«

»Erst mal – – –« schrie Mathes.

»Nachher,« sagte Frau Tippelmann ruhig; »also hört. Alette will eine Geschichte aus dem alten Amhaghaus; da gibt es natürlich viele, denn in einem rechten Familienhaus geschieht im Laufe der Zeit immer allerlei. Da gibt es lustige und ernsthafte Geschichten, seltsame, aufregende und auch rührende. Leider wissen die Menschen immer viel zu wenig Geschichten aus der Vergangenheit ihrer Familien, und die Kinder sind jetzt auch schon so töricht, die denken, wenn es heißt, das ist aus deiner Urgroßmutter Leben eine Geschichte, »Ach, wie langweilig!« Weil unsere Alette glücklicherweise anders denkt, soll sie auch so viele Geschichten, als ich noch selbst weiß, aus dem alten Amhaghaus und dem Löwengäßle erfahren. Das Löwengäßle nun war immer ein schnurriges Sträßlein, in dem die wunderlichsten Dinge sich zutrugen, und von all den Geschichten ist mir besonders eine recht im Gedächtnis geblieben. Das war damals, als die Damen noch mit hochgetürmtem Haar einhergingen, weite Reifröcke trugen und jeder Mann ein Zöpfle hinten hängen hatte – – –«

»Hoho,« schrie Mathes dazwischen, »das ist net wahr, Zöpfles tragen Männer net!«

Frau Tippelmann sah über ihre Brille hinweg lachend auf das empörte Büble. »So ein Dummköpfle, wie du auch bist!« brummelte sie. »Jetzt tragen Männer freilich keine Zöpfe mehr, aber damals, als die Geschichte spielte, trug jeder Mann seinen Zopf und – – –«

»Ich glaub's net,« trotzte Mathes auf, den Frau Tippelmanns Lachen und das Gekicher der Mädchen reizte, »noi, ich glaub's net!«

»Ich auch net,« redete Peter dem Bruder eifrig nach. »Zöpfles trägt kein Mann.«

»Doch einmal war es so,« riefen die Grills, und dabei schauten sie ein wenig mitleidig über diese Unwissenheit auf die Sternbübles herab. Diese gerieten erst recht in Eifer. Zum Überfluß fuhr sie nun auch noch Frau Tippelmann unwirsch an und gebot: »Haltet euren Schnabel, das Zwischenreden mag ich net leiden.« Da schrieen die Bübles lauter als vorher: »Wir glauben das mit den Zöpfles net; Männer tragen keine.«

»Seid doch stille – – –«