Ein paar Tage lang tat sich die Rosentüre allemal nur ein Schlitzchen weit auf, wenn eins der Nachbarskinder klingelte, und jedesmal hieß es: »Alette geht es gut, Alette läßt grüßen, aber Besuch darf nicht zu ihr.« Nur Gundele durfte einmal hinein, und als sie zaghaft an Alettes Bett trat, da lachte die ihr froh entgegen. »Ein paar Tage sollt ihr nicht kommen, aber nachher erzählt Tante Tippelmann doch die Geschichte, und denke dir nur, Gundele, Sternbübles kommen darin vor, richtige Sternbübles, die sind aber schon über hundert Jahre alt.«
Als Gundele aus der Rose zurückkam, schlenderten die Grillschen Buben just mit ihren Brüdern zusammen das Gäßle hinab. Gundel lief ihnen nach und erzählte das Gehörte.
Eine Geschichte von Sternbübles, die, wer weiß wann, gelebt hatten, ja die vielleicht mit Zöpfles einhergegangen waren, wollte Frau Tippelmann erzählen. Mathes und Peter wußten nicht recht, ob sie sich freuen oder ob sie sich ärgern sollten. »So was gibt's gar net,« rief Mathes patzig und rannte davon. Es fiel ihm nämlich ein, es könnte ganz gut sein, die Mutter zu fragen; vielleicht wußte die etwas, vielleicht erzählte sie es ihm, und vielleicht konnte er dann sagen: »Pah, die Geschichte kenn' ich schon!« Ach, vielleicht!
Die Sternwirtin hatte wieder einmal alle Hände voll zu tun, als Mathes in die Küche stürmte und seine Frage tat. Sie konnte sich auch auf keine wichtige und sonderbare Geschichte besinnen und sagte: »Wenn ich Gemüse schmore und einen Braten begießen muß, kann ich nicht Geschichten erzählen. Jedes zu seiner Zeit; eine Geschichte verträgt sich höchstens mit einem Strickstrumpf oder einer Flickerei. Bübles hat's aber, Gott sei Dank, immer im Stern gegeben, und unnütz sind sie sicher alleweil gewesen, weil das nun mal in den Bübles liegt. Paßt nur gut auf, wenn Frau Tippelmann erzählt, damit ihr merkt, wie ihr es nicht machen sollt.«
Das war nun eine magere Auskunft für die neugierigen Ungedulde, und es war gut, daß sich Frau Tippelmann schon am nächsten Tage bereit erklärte, die Geschichte zu erzählen. Und obgleich es eigentlich kein Geschichtenwetter war, denn die Sonne schmunzelte wie eine alte, gute Tante, und der Wind sang süße, sanfte Lieder, kamen die Zuhörer doch sehr pünktlich und vergnügt in der Rose an. Sie wollten leise gehen und trappsten die Treppe hinauf, daß der alle Stufen weh taten; sie knarrte und ächzte unwirsch, aber oben rief Alette vergnügt: »Sie kommen.«
Frau Tippelmann saß schon am Bett der Nichte, und als die Gäste versammelt waren, sagte sie gleich: »Wer aber heute nicht richtig zuhört, sondern dazwischen schwätzt, der soll es gleich sagen, der muß hinaus.«
Die alte Frau sah ernsthaft über ihre Brille hinweg von einem zum andern, prüfte namentlich die Gesichter der Sternbübles und fragte: »Na, wer geht lieber vorher?«
»Ich – – –«
»Also, dann hinaus!«
»Noi, ich möcht nur mein Schnupftüchle holen,« rief Peter kläglich, fast niedergeschmettert von Frau Tippelmanns vorwurfsvollem Blick.