Essenszeit, ein gutes Wort! Die Geschwister vergaßen darüber allen Schulkummer, und als ein paar Minuten später die Glocke die Hausgenossen in das im Erdgeschoß gelegene Speisezimmer rief, da glänzte selbst Trinles verweintes Gesicht wie eitel Sonnenschein.
Die Fenster des Speisezimmers gingen nach dem Garten hinaus, in dem im Sommer uralte Bäume schatteten und viele schöne Blumen blühten. Jetzt trugen erst ein paar Büsche feine grüne Schleier, und Schneeglöckchen und Krokusse hatten den Blütenreigen des Jahres begonnen. Von ihnen stand eine Schale voll auf dem Tisch; von ihr aus ging es wie Frühlingswehen durch den Raum, und Trinle schnupperte und sagte: »Es riecht schrecklich schön nach Frühling!«
Dies konnte freilich nur ein Apothekerkind sagen, denn jeder Fremde, der ins Haus kam, fand, es röche nach Apotheke; andere Gerüche nahm er darüber nicht wahr. Und wirklich durchdrang der Duft all der Salben, Tränklein, Kräuter und Mixturen beinahe das ganze Haus. Den Grills war es Heimatduft, und wenn jemand von ihnen nach einer Reise heimkehrte, sagte er sicher: »Wie gut es riecht, man merkt, daß man wieder zu Hause ist!«
Der Familientisch war groß, denn die Gehilfen aus der Apotheke saßen mit daran, obenan, neben dem Vater, Herr Baldan, der langjährige Provisor. Der war ein etwas sonderbarer Mann; er hatte allerlei wunderliche Grillen und Gewohnheiten, und zu Zeiten konnten ihn die Mücken, die in der Sonne tanzten, um all seine gute Laune bringen. Er war butterweich und herzensgut und den Kindern ein treuer Freund, aber Katzen und Hunde und mancherlei Getier konnte er nicht leiden. Lief ihm eine schwarze Katze über den Weg, wurde er mißmutig, und bellte ein Hund irgendwo, klagte er, der Lärm sei nicht auszuhalten. An diesem Morgen hatte er sich schwer über den Affen August geärgert, und er saß am Tisch mit einem Gesicht wie vierzehn Tage Regenwetter und drei Meilen schlechter Weg. Und Kasperle, das kleine Dummerchen, fragte zum Überfluß auch noch höchst vergnügt: »Gelt, Herr Baldan, du freust dich arg?«
»Warum denn, Kasperle?«
»Weil das Äffle drüben auch August heißt wie du.«
Ganz verdutzt sahen alle auf; daran hatten sie nicht gedacht, daß auch Herr Baldan diesen Namen führte. Der nahm die Frage auch gewaltig übel; er fuhr Kasperle scharf an: »Dumme Frage! Wirst wohl auch noch so naseweis werden wie die Sternbuben!«
Mit den Sternbuben mochten die Grillschen Kinder nun aber nicht verglichen werden, und Kasperle zog seinen Mund bedenklich schief. Trinle, die allzeit für die Brüder eintrat, sagte darum entschuldigend: »Er meint's doch net böse, und der Herr Häferlein heißt auch August!«
»Meinetwegen, für den mag's passen, mit dem Affen einen Namen zu haben, ich lasse mir so etwas nicht gefallen!«
In seinem Ärger vergaß Herr Baldan ganz und gar, daß Herr Häferlein doch sein guter Freund war. Er vergaß aber auch, daß Kasperle ein kleines Plappermaul hatte. Als es just in der Apotheke klingelte, stand er rasch auf und sagte zu dem zweiten Gehilfen: »Ich gehe selbst, es wird wohl die Frau Mayer sein; der will ich ihre Tropfen selbst geben.«