»Ihr müßt gehen,« sagte Steffen; »wenn ich pfeife, kommt ihr wieder, dann bin ich Drache.«
Veit wollte nicht recht, aber die Mädel zogen ihn fort. Sie suchten Blumen, denn Alette sollte doch eine Prinzessinnenkrone erhalten. Ein paar Minuten später schritt dann Prinzessin Alette fromm und sittig, ein Blumenkränzlein im Haar, der Burg zu, Kasperle als Page hielt sie am Kleid fest. Auf einmal stürzte sich der Drache Steffen auf das arme Prinzeßlein; er sah so furchtbar aus, daß sich Alette wirklich zu fürchten begann und jämmerlich zu heulen anfing. Kasperle fiel ein, und beide wurden von Veit stolz in das sogenannte Verlies geschleppt. Dieses war der einzige noch gut erhaltene Raum der Burg, ein teilweise überdachtes halbhohes Gemach. Es mochte wohl einst als Halle gedient haben. Von seinen kleinen Fenstern aus, die in tiefen Nischen lagen, hatte man einen lieblichen Blick über das Tal, das heute schön im Frühlingsglanz lag. Alette kauerte am Fenster, Kasperle zu ihren Füßen, und beide warteten wirklich ein wenig voll ängstlicher Sehnsucht auf den Ritter Veit und Trinle, den Knappen. Steffen lag am Eingang; er fauchte von Zeit zu Zeit, und Kasperle sagte etliche Male: »Alette, ich graul mich.«
Ritter und Knappe saßen inzwischen auf halber Bergeshöhe, und als oben das Geschrei losging, sagte Trinle befriedigt: »Jetzt hat er sie; fein, Steffen schreit prachtvoll!«
»Nun komm!« Veit nahm seinen Stock, und als Trinle neben ihm bergan schreiten wollte, brummte er sie an: »Ein Knappe geht hinter seinem Ritter, weißt das net?«
Beschämt trat Trinle zurück. Sie dachte bei sich: Den Drachen zwick' ich ordentlich! und darüber wurde sie wieder sehr vergnügt.
Eine Prinzessin befreien ist aber keine leichte Sache. Der Drache Steffen wenigstens nahm es ungeheuer ernst, er fauchte, spuckte, brüllte und fuhr mit einem Stecken seinen Angreifern so wild zwischen die Beine, daß der Knappe Trinle das Schwanzzwicken aufgab und zuerst davonlief. Und dann – Ritter Veit prallte rasch zurück – entzündete der Drache zischend ein Rotfeuerhölzchen, und das wirkte so unheimlich, daß Prinzessin Alette und der Page Kasperle laut aufschrieen und der Ritter über seinen Stock stolperte, den zerbrach und waffenlos beinahe dem Drachen in die Hände gefallen wäre. Er gab das Kämpfen auf und floh seinem Knappen nach. Ganz atemlos fanden sich beide am Ruheplatz zusammen. »Ich muß erst ein neues Stöckle schneiden,« murmelte Veit. »Warum bist du mir ausgerissen?«
»Fein war's,« rief Trinle, »ich hab mich richtig gegrault!«
Oben lag der Drache am Boden und knurrte vor Behagen; er war mit seinem Tun zufrieden. Wenn die arme Prinzessin Alette sich nur rührte, dann fauchte er sie an, und Alette, die an solche Spiele noch nicht recht gewöhnt war, fürchtete sich mehr und mehr. Auch Kasperle war die ganze Geschichte unheimlich; er flüsterte ein paarmal Alette ins Ohr: »Wenn wir nur ausreißen könnten!«
Das Fauchen und Knurren war draußen nicht zu hören, der Burgberg lag ganz still im Frühlingsfrieden, nur die Vögel sangen, und die Bienen schwirrten summend von Blüte zu Blüte. Plötzlich aber wurde diese Stille durch Stimmen unterbrochen, und Ritter Veit, der sich gerade zu einem neuen Kampfzug rüstete, sagte erschrocken: »Trinle, es kommt jemand!«
Es kam wirklich jemand, daran konnte schon kein Zweifel sein. Die Stimmen wurden lauter und lauter, und als Veit und Trinle vorsichtig näher schlichen, sahen sie auf dem schmalen Fußweg, der zur Burg führte, drei Damen wandern, immer eine hinter der andern, und hinter ihnen kamen zwei Herren. Die erste der Damen schien recht schlechter Laune zu sein; sie schalt unaufhörlich in einem fremdklingenden Deutsch, das die Kinder nicht verstanden. Die sahen nur ihr bitterböses Gesicht.