»Willst du denn so gern hierbleiben, Alette?« Herr Amhag mußte lachen, und wie das Alette sah, versiegten rasch ihre Tränen. Sie schlang beide Arme um ihres Vaters Hals und flehte: »Bleib auch hier, es ist so wunderschön im Löwengäßle!«

»Ich will's mir überlegen. Ihr da, hört mal auf zu heulen! Heute oder morgen reist Alette bestimmt noch nicht ab.«

Morgen noch nicht! Na, da konnte man freilich mit den Tränen noch warten, und flugs fand Trinle den Weg zum Lachbrünnlein wieder. Ihr Gesicht strahlte, Kasperle jauchzte gleich laut auf, und auch Gundel wischte sich bald die letzten Tränen ab. Nur die Sternbübles heulten weiter; schauerlich war ihr Gebrüll. Sie waren so gut in der Übung drin, da dachten sie, wenn schon, denn schon.

»Man muß sie zum Aufhören bringen,« brummte ihre Muhme, die Bachwirtin. »Draußen die Hühner vergessen ja das Eierlegen vor Schreck bei so einem Geschrei!« Sie nahm eine Wasserkanne vom Tisch und schwapp! bekam Mathes einen Guß und schwapp! Peter einen. Da wurden die beiden plötzlich mäuschenstill. Klapp, schlossen sie ihre Münder, und sie sahen darob selbst so unglaublich verdutzt drein, daß die Bachwirtin herzlich lachen mußte. Ihr Lachen fand ein vielstimmiges Echo, einer nach dem andern fiel ein, und zuletzt lachten die Sternbübles am lautesten. Hatten sie vorher vor Kummer gebrüllt, so brüllten sie jetzt vor Lust, und die Muhme drohte: »Es gibt bald wieder ein Güßle, aber ein kräftiges!«

Es gab aber kein Güßle mehr, kein Tränengüßle, kein Wassergüßle, und der Himmel sandte auch kein Regengüßle. Der schöne Tag wandelte sich zum schönen Abend, und just lugten sie in der Löwengasse ängstlich nach den Kindern aus, als sie heimkehrten. Herr Amhag kam mit ihnen und die Fremden auch. Die stiegen im Silbernen Stern ab, denn wer Breitenwert recht kennenlernen wollte, der mußte in der Löwengasse wohnen.

Frau Tippelmann hatte eben nach alter Sitte zwei Maien an die Haustüre gestellt, als Alette an ihres Vaters Hand daherkam. Da sah der das Haus seiner Vorfahren im Festschmuck, und ihm, der die weite Welt durchreist hatte, gefiel doch dies alte Haus in der kleinen Gasse, und er sah heiter zu dem frohen, trotzigen Spruch des Ahnherrn auf, der über der Türe unter der Rose stand: »Ich bau' mein Haus, wie mir's gefällt.«

Oben sah Fräulein Laura zum Fenster heraus. Die sah den Ankommenden und sie seufzte schwer. »O weh, da ist der Herr gekommen, nun geht's bald fort aus der Löwengasse!« Aber da hörte sie unten schon Herrn Amhag heiter sagen: »Und vorläufig bleibe ich hier, ich will mich einmal lange, lange ausruhen in dem alten Rosenhaus.«


Siebzehntes Kapitel.
Die Überraschung.

Herr Häferlein ist betrübt, und Laura vergißt allerlei. Sie sagt vielerlei zum Lobe der Löwengasse. Herr Amhag geht mit Alette spazieren, und die Lindenkinder und die Sternkinder sinnen auf eine Überraschung. Was Herr Häferlein in seinem Laden findet, und warum Herr Baldan nun genug Sirup hat.