Gleich den Brüdern hatte Gundel den Grills und Alette Amhag nachgeblickt, solange sie nur ein Zipfelchen von ihnen sehen konnte. Sie tat das ohne Neid über die Fröhlichkeit der andern, aber mit tiefer Sehnsucht, auch einmal so in lustiger Gesellschaft dahinwandern zu können. Ihr Leiden hatte sie zwar äußerlich scheu und verschlossen gemacht, und wer das blasse Kind mit den ernsthaften großen Augen sah, der ahnte gar nicht, in was für fröhlichen Gärten Gundel manchmal spazierenging, Traumgärten, in denen sie heiter und schwatzlustig war. Sie redete, wenn sie allein war, mit allen Dingen in Haus und Garten. Da waren Bäume Märchenprinzen, Blumen feinliebe Elfenkinder, da war der große Schrank ein alter König und die alte Standuhr eine kluge Fee. Sie selbst war eine Prinzessin oder ein Gänsemädchen, manchmal auch eine Mutter mit vielen Kindern, die schrecklich viel zu tun hatte, und die ihren Kindern doch Geschichten erzählte.

Mitunter setzte Gundel ringsum Stühle, gab denen Namen, setzte sich in die Mitte, erzählte Märchen oder hielt Schule ab. Einen alten hochlehnigen Polsterstuhl, den sie besonders schön fand, nannte sie immer Trinle Grill, denn in aller Heimlichkeit liebte Gundel das wilde, frohe Nachbarskind, und bitter kränkte sie der Streit, den ihre Brüder mit den Grills hatten.

An diesem Tage erhielt der Polsterstuhl einen feinen Nachbarn, einen, auf dem ein gesticktes Kissen lag; den nannte Gundel Prinzessin Amhag nach Alette, deren Vornamen sie noch nicht wußte.

Vor dieser Stuhlprinzessin machte Gundel gerade einen feierlichen Knicks, sagte, sie wolle ihr eine sehr schöne Geschichte vorlesen, als das wilde Brüllen der Brüder zu ihr herüberklang. Da lief sie erschrocken, so schnell sie mit ihrem Hinkefüßchen laufen konnte, dem Schreien nach, aber kurz vor dem Ziel hielt Mina sie fest: »Die kriegen Schläge, Gundele, das ist ihnen arg gesund, du komm nur mit mir! Verwunderlich ist's, wie ein solch brav Mädele zu solch unnütze Brüderle kommt,« sagte sie. Mina meinte es gut mit Gundel, sie hatte nur, genau wie Frau Hinz, zu wenig Zeit, sich viel um das stille Kind zu kümmern.

Ein Weilchen blieb Gundel in der Küche, dann schlich sie sich davon und suchte die Brüder auf. Sie öffnete sachte die Türe. Die beiden heulten und stöhnten noch, aber nun schon mehr aus Langeweile als aus Schmerz. Der Schwester Besuch kam ihnen sehr gelegen, und sie forderten: »Erzähl uns was!«

Statt ihrer Stuhlgesellschaft erzählte nun Gundel den Brüdern ein langes Märchen. Weil die immer viel haben wollten von allem, kamen darin etliche Prinzessinnen und Könige vor, gleich ein halbes Dutzend gute Feen und nicht ein, sondern drei Teufel. Der jüngste Teufel war besonders schlimm, und Peter, dem es schon wieder ganz gut ging, fragte: »Gelt, das Teufele heißt Herr Häferlein?«

»Eigentlich nicht,« sagte Gundel ganz erschrocken, denn sie fand Herrn Häferlein viel zu nett und freundlich, um ein Teufele nach ihm zu benennen.

»Eigentlich doch!« schrie Mathes. »Das ist fein! Mach fix, daß er eingesperrt wird!«

Da ergab sich Gundel drein. Sie ließ das Teufele Häferlein zum Ergötzen der Brüder noch allerlei schlimme Dinge erleben, und zuletzt geriet es mit seinem Schwanz zwischen zwei schwere eiserne Torflügel, und da saß es, konnte nicht heraus aus der Falle und mußte große Schmerzen leiden.