Am nächsten Morgen hatten dann Mathes und Peter die Sehnsucht nach Gundel ganz vergessen, sie liefen der Schwester wie alle Morgen einfach davon, und Gundel hinkte wieder einsam ihren Schulweg entlang. Die Sternbuben rannten auch an diesem Morgen an Herrn Häferleins Laden vorbei, und als der sie laufen sah, rief er ihnen spöttisch nach: »Wollt ihr eine Zigarre? Hab schon gehört, daß euch der Stock gut geschmeckt hat!«

Wart nur, Herr Häferlein! Mathes ballte drohend die Hand zur Faust, und Peter tat es ihm nach. Beide sahen sich an, und beide nickten sich vergnügt zu. Der Herr Häferlein sollte schon seine Strafe erhalten!


Fünftes Kapitel.
Spektakel auf der Löwengasse.

Fräulein Laura hat einen seltsamen Traum und ärgert sich über Frau Tippelmann. Die Sternbübles kommen sehr geschwind aus der Schule heim, und Herr Häferlein hat vielen Grund, sich zu wundern. Einer hat es dem andern gesagt, aber die Schuldigen werden erwischt. Warum Alette bittet und Herr Häferlein erst traurig, dann wieder vergnügt ist.

Alette Amhag hatte die erste Nacht in dem alten Familienhaus tief und fest geschlafen. Laura hatte sie am Abend noch ermahnt: »Achte darauf, was du träumst. Träume der ersten Nacht im neuen Heim gehen in Erfüllung.« Darauf hatte Frau Tippelmann ärgerlich gesagt: »Träume sind Lügen, die sichtlich betrügen,« aber Alette hatte doch gedacht: Ich paß auf. Doch als sie sich am nächsten Morgen schlaftrunken in dem ihr noch so neuen Zimmer umsah, da wußte sie von keinem Traum der Nacht mehr.

Laura kam, um sie anzuziehen, und Alette ließ sich bedienen wie eine richtige kleine Prinzessin, und dabei erzählte ihr Laura, sie hätte geträumt, sie wäre in einem ganz wunderbaren Kleid, angetan mit vielem Geschmeide, immer die Löwengasse auf und ab spaziert, und alle Leute hätten geschrieen: Unsere Königin soll leben! »Ein feiner Traum, nicht wahr?« sagte sie. »Aber in diesem dummen, alten Haus kann man sich nicht einmal recht an seinen Träumen freuen.«

»Warum denn nicht?« fragte Alette, die diesen Traum sehr vergnüglich fand.

»Ach,« brummte Laura unwirsch, »diese Frau Tippelmann mit ihren ewigen Sprichwörtern verdirbt einem gleich den Spaß! Ich erzählte ihr meinen Traum, da sagt sie: ›Träume machen weder reich noch satt!‹ Da habe ich mich recht geärgert und gesagt: ›Na, Frau Tippelmann, Träume haben manchmal ihre Vorbedeutung; wer weiß, was noch aus mir wird. Wenn auch nicht gleich eine Königin, dann doch vielleicht eine sehr vornehme Dame.‹ Und darauf erwiderte die Frau – nein, ich sag's doch nicht, ich schäme mich zu sehr.«