Alette fing das Wort auf. »Was ist das, eine Prinzessin auf der Erbse?« fragte sie. »Wo wohnt die?«

»Im Märchen!« Frau Tippelmann kannte nur dies Wort, nicht das Märchen, und sie geriet in Verlegenheit, als Alette sehr stürmisch flehte, sie solle ihr das Märchen erzählen. »Ich weiß es nicht, wirklich nicht,« beteuerte sie, als sie in die enttäuschten Augen der Kleinen sah; »Märchen kann ich nicht erzählen, nur Geschichten, wahre Geschichten aus alten Zeiten.«

Wenn Frau Tippelmann gedacht hatte, sie würde damit Alette abschrecken, so irrte sie sich. Alette bat immer dringlicher um eine Geschichte. Weil ihre Bäckchen aber schon glühten und sie ungewöhnlich aufgeregt war, erklärte Laura, heute nicht mehr, heute müsse sie schlafen, morgen dann.

»Ja, morgen,« versprach Frau Tippelmann, »morgen ist auch ein Tag. Jetzt muß ich noch zu Herrn Häferlein gehen und einkaufen.«

Da gab sich Alette zufrieden. »Ich freue mich sehr,« sagte sie und streckte Frau Tippelmann zutraulich die Hand hin. Die strich ihr zum erstenmal liebkosend über das sanftgelockte Haar und sagte den alten Spruch, den einst vor langen Jahren ihr die eigene Mutter allabendlich mitgegeben hatte: »Schlaf gut in Gottes Hut. Es schüttle dir ein Engelein ein flitterbuntes Träumelein von seinem Himmelsbäumelein!«

Laura, die eifersüchtig war, brummte: »Ewig die Sprichwörter, zu langweilig ist's!«

Aber drüben bei Herrn Häferlein erntete Frau Tippelmann dann mehr Dank. Der Kaufmann hatte bis zu dieser Abendstunde sehr viel zu tun gehabt; seine Ladenklingel war nur so gehopst und gesprungen, ganz atemlos zitterte sie und kam gar nicht zur Ruhe. Die Käufer strömten unablässig in den Laden hinein, und jeder tat zuerst die Frage: »Was war denn heute hier los?« Man hatte die wunderlichsten Geschichten in Breitenwert erzählt von den Vorfällen am Nachmittag. Die einen sagten, Herr Häferlein habe einen tollgewordenen Affen in seinem Geschäft, die andern wußten zu berichten, alles sei zerschlagen im Laden, Herr Häferlein selbst sei halbtot. Wieder andere wollten wissen, der Kaufmann sei selbst toll geworden, und aus lauter Neugier kamen die Leute und kauften. Da hieß es: »Bitte, für zwanzig Pfennige Mandeln, und erzählen Sie doch mal, was hier los war!« Oder eine Frau verlangte für fünf Pfennige Pfeffer und sagte dazu: »Aber recht genau erzählen, ich habe Zeit!«

Herr Häferlein hatte gewogen, eingepackt und erzählt und wieder gewogen und eingepackt und erzählt, und als Frau Tippelmann kam, war er schon rechtschaffen müde, aber doch sehr vergnügt. Er rief der Frau gleich entgegen, er wolle in den Silbernen Stern gehen und sich dort mit Herrn Baldan versöhnen, der abends meist ein Stündchen das Gasthaus aufsuchte.

»Ist recht so!« Frau Tippelmann nickte zufrieden. »Wer seine Nachbarn schilt, weiß bald, was er selber gilt,« sagte sie.

»Ich bin ja auch friedfertig,« versicherte Herr Häferlein, »nur den Sternbübles verzeih ich's nicht; die werden heute noch bei ihrer Mutter verklagt. Sonst bin ich nicht für Zank und Streit.«