Gundel hatte auf dem Schulweg viel um der Brüder willen zu leiden. Sie sah den Zorn der andern, hörte die vielen Spottworte, konnte diese und die vielen Püffe dazu nicht von ihren Brüdern abwenden; nur weinen konnte sie. Weinend kam sie vor der Schule an, weinend trennte sie sich von den Brüdern, und bitterlich weinend betrat sie ihre Klasse. Ihre Kameradinnen fragten sie mitleidig nach ihrem Jammer; auch die Lehrerin, Fräulein Raimund, tat das. Die hatte das sanfte, stille Kind gern, und sie spürte es auch, das waren wirkliche Kummertränen. »Sag, Gundel, was fehlt dir?« mahnte sie.
Doch Gundel blieb stumm, und dabei hätte sie so herzensgern von ihrem Leid gesprochen, hätte sich so gern einmal liebreich trösten lassen. Sie wäre auch gern wieder froh gewesen, aber sie konnte nicht; immerzu mußte sie an ihre Brüder denken, die niemand leiden konnte, und zu denen andere Buben gesagt hatten: »Nach der Schule gibt's was!«
»Geh heim, Gundel Hinz,« sagte Fräulein Raimund endlich. Sie begann sich zu ängstigen, vielleicht war Gundel krank.
Da stand Gundel auf und schlich sich zur Klasse hinaus, und der jungen Lehrerin tat das Herz weh, als sie das blasse Kind so kummerbeladen zur Türe hinken sah. Sie ging ihr rasch nach und fragte sie draußen noch einmal nach dem, was sie bedrückte, aber wieder vermochte Gundel nicht zu sprechen, sie brachte nicht einmal heraus, daß sie lieber in der Schule bleiben wollte.
»So geh denn, mein armes Mädle,« sagte die Lehrerin endlich gütig, »vielleicht wird es zu Hause besser.«
Und Gundel ging. Sie schlich mit schwerem Herzen scheu durch die Gassen, meinte, jeder müßte ihr die schlimmen Brüder am verweinten Gesichtchen ansehen. Zu Hause, was sollte sie da? Dort hatte niemand Zeit für sie, und Mina schalt gewiß, weil sie aus der Schule so früh heimkam.
Es war wieder einer von den hellen, frohen Tagen, an denen sich alles vom Frühling erzählt. Da flüstern und raunen sich die Bäume und Büsche, die Blumen, die noch unter der Erde träumen, zu: »Bald, bald kommt der Frühling.« Ganz alte Bäume wissen lustige liebe kleine Frühlingsgeschichten zu erzählen; sie erzählen sie jedes Jahr, und jedes Jahr freuen sich alle daran. Die Sonne schmunzelt dazu und mahnt: Sputet euch, sputet euch, wachst, sproßt hervor, fühlt nur, wie warm ich schon scheine!
Alette Amhag hatte sich von der Sonne verlocken lassen und war, trotz Lauras Schelten, auf die Löwengasse gelaufen. Ach, wie warm und hell die Sonne schien! Alette wartete auf Kasperle und lief die Gasse auf und ab. Ganz still war es. Dem Untermarkt zu ging ein alter Mann, sonst war niemand zu sehen. Da kam Gundel. Sie ging mit gesenktem Kopf und schluchzte noch immer leise vor sich hin. Vor Tränen sah sie niemand und nichts, und sie blieb erschrocken stehen, als Alette Amhag sie mitleidig fragte: »Warum weinst du denn?«
Gundel brachte wieder kein Wort heraus; sie stand und atmete schwer. Ach, so gern, so himmelgern hätte sie dem heimlich bewunderten fremden Mädchen alles gesagt! Von den Brüdern hätte sie reden mögen, und wie dankbar für die Hilfe gestern sie war, aber Gundel war eben ein armes Schüchterle, dem nur schwer die Worte kamen. Doch ihre Tränen flossen allmählich sachter, und als Alette wieder und wieder fragte, tat sie den Mund auf, sie wollte sprechen.
Aber da kam Kasperle leider dazwischen. Schwatz- und spiellustig trat der aus dem Hause und krähte vor Vergnügen wie ein Hähnlein, als er Alette erblickte. Kasperle begrüßte Alette und schaute Gundel prüfend an. »Das ist die Schwester von den Sternbuben,« rief er. »Nicht wahr, du bist Hinkegundele?«