Dies war der Name, den die Löwengasse der armen Gundel gegeben hatte. Niemand ahnte dabei, wie weh der Ruf dem armen Kinde tat. Der Name und das Wort von den schlimmen Brüdern brachte Gundel um alle Fassung. Sie knickte auf dem Bürgersteig zusammen wie ein Bäumchen, über das der Sturm kommt, barg ihr Gesicht in ihre Schürze und schluchzte zum Steinerweichen.

Alette suchte erschrocken sie zu trösten; sie streichelte sie ungeschickt und sagte immerzu: »Weine doch nicht, ach, weine doch nicht! Bitte, bitte, weine nicht mehr!«

Kasperle stand betrübt dabei; er trat ungeduldig von einem Bein auf das andere und fragte endlich seufzend: »Weinst du noch lange? Augustle wartet doch!«

August vielleicht vermochte Gundel zu trösten. Alette kam das jäh in den Sinn, und sie sagte eilig: »Wir holen ihn einmal heraus, da lachst du vielleicht. Willst du?«

Gundel gab keine Antwort, aber Kasperle schrie begeistert: »Ja, fein!« Er stapfte auch gleich über die Gasse, und Alette lief ihm nach. »Wir kommen wieder, warte,« rief sie Gundel zu; dann verschwand sie im Rosenhaus. Aber mit dem Wiederkommen ging das nicht so rasch, denn August war leider nicht da, wo er sein sollte. Frau Tippelmann brummte, Laura schalt, und Alette und Kasperle riefen klagend des Äffchens Namen. Alle miteinander liefen im Hause hin und her, suchten oben, suchten unten und fanden ihn schließlich da, wo sie ihn am wenigsten gesucht hätten: in Frau Tippelmanns Wohnzimmer. Da saß er sehr vergnügt auf dem Nähtisch und wirrte alles durcheinander. Er hatte schon eine heillose Unordnung angerichtet. Frau Tippelmann packte ihn zornig und schalt heftig: »So ein Hans Unnütz, so ein abscheulicher Wicht!«

August schrie gellend los. Frau Tippelmann hatte eine feste Hand, ihr Griff tat nicht gut, und Laura rief erzürnt: »Sie drücken ihn ja tot!«

»I wo,« erwiderte Frau Tippelmann gelassen, »vom Geschrei stirbt einer nicht!« Sie gab aber den Affen Alette, ohne ihn, wie diese gefürchtet hatte, zu strafen. Sie selbst bückte sich still und hob ein paar Glasscherben auf vom Boden. »Hat August was zerbrochen?« fragte Alette ängstlich.

»Eine kleine Glasvase scheint's,« erwiderte Laura gleichgültig, »ärgern Sie sich nur nicht, Frau Tippelmann, wir kaufen eine andere.«

Es war gut gemeint von Laura, aber es klang doch hochmütig und protzig, und die alte Frau sah ernst das junge Mädchen an. »Man kann nicht alles mit Geld bezahlen,« sagte sie ruhig; »das Gläsle stammt noch von meiner Mutter, es kann mir nicht mit Gold und Silber ersetzt werden.«

Da setzte Alette ihren kleinen Liebling rasch zu Boden und schalt ihn nun selbst. »Pfui, August, was hast du getan!« Sie lief auf Frau Tippelmann zu, schmiegte sich an diese an und bat kummervoll: »Seien Sie nicht böse!«