Alette war traurig über Gundels Fortgehen, und Alette wurde wieder fröhlich. Sie spielte mit Kasperle, spielte sich hungrig und bekam rote Bäcklein, die ihr sehr gut standen, und über die Frau Tippelmann ihre Freude hatte. Laura dagegen sprach: »Vornehme Kinder sehen nicht so erhitzt aus; es wird Zeit, daß wir aus der Löwengasse herauskommen.«

Am Nachmittag wollte Alette zu Frau Tippelmann gehen, die sollte ihr die versprochene Geschichte aus vergangener Zeit erzählen, aber Laura, die eifersüchtig war und Alettes Liebe niemand gönnte, sagte geschwind: »Wir wollen spazierengehen. Frau Tippelmann laß nur, die ist froh, wenn wir aus dem Hause sind.«

»Mag sie uns denn nicht leiden?« fragte Alette erschrocken.

»Nein, gar nicht.« Laura log und wußte es wohl, daß sie es tat; sie entschuldigte sich aber vor sich selbst: Es ist besser so, Alette soll hier niemand lieb gewinnen; sie bleibt ja doch nicht hier! Sie gingen beide spazieren, und Frau Tippelmann sah ihnen traurig nach. Sie hatte in ihrem Zimmer einen kleinen Tisch gedeckt, hatte ein paar schöne Tassen daraufgestellt, die noch aus der Zeit stammten, da die Amhags wohlhäbig in der Rose gehaust hatten. Aus ihnen sollte Alette an diesem Nachmittag Schokolade trinken. Dabei wollte sie der Kleinen von den Amhags erzählen und sagen, daß sie auch eine Amhag sei. Doch der Tag verging, Alette kam nicht. Sie wich Frau Tippelmann scheu aus, und die fühlte es wohl, und das Herz tat ihr weh. Sie wurde wieder finster und verdrießlich, stellte die schönen Familientassen weg und erzählte nicht, daß sie auch eine Amhag sei.

Und wieder wurde Alette traurig, und wieder wurde sie froh, denn gegen Abend kam ganz geschwind Trinle Grill noch einmal gelaufen, erzählte ihr von der Schule und wollte wissen, ob Alette Ostern hineinkäme.

»Ich hab's schon meinem Papa geschrieben; er erlaubt es gewiß,« versicherte Alette. »Ach, ich will so gern in die Schule gehen!«

Trinle sprang vor Vergnügen. Sie hatte zwar schon acht allerbeste Freundinnen in der Schule, aber für Alette Amhag war noch viel Platz in ihrem kleinen zärtlichen Herzen. »Ich freue mich, ich freue mich!« jauchzte sie. Und dann gab es einen langen zärtlichen Abschied, und beide sagten: »Morgen wird's fein.«

Alette hatte noch nie einen richtigen Kinderbesuch gehabt, und als sie am nächsten Morgen aufwachte, rief sie gleich: »Laura, deckst du bald den Tisch?«

Daran dachte Laura nun freilich nicht, aber sie redete mit Alette denn doch von dem Besuch, und wie es sein sollte. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, fühlte sich auch im Unrecht gegen Frau Tippelmann und dachte immer: Lange bleibt Alette doch nicht hier, da mag sie meinetwegen in der kurzen Zeit tun, was sie mag. Also ging sie und sprach versöhnlich mit Frau Tippelmann. Die sah wieder um ein bißchen freundlicher drein und gab gute Ratschläge, wie alles herzurichten sei.

»Warum sie mich nur nicht leiden mag?« Alette sann darüber nach und kam schließlich auf den Gedanken: Es ist um Augusts willen, denn der kleine Schelm beging an diesem Morgen wieder allerlei unnütze Streiche, und Frau Tippelmann nannte ihn eine Landplage und sagte wieder: »Affen und wilde Bären soll niemand in sein Haus begehren.«