Zum erstenmal in ihrem Leben ging Alette an diesem Vormittag richtig einkaufen. Zu dem Zuckerbäcker auf dem Obermarkt und zu Herrn Häferlein. Damit August inzwischen nichts Dummes beging, nahm sie ihn mit. So sah Herr Häferlein auf einmal seinen kleinen schwarzen Namensvetter in seinem Laden. Er sah ihn etwas schief an, aber weil Laura so freundlich lachte, lachte er schließlich auch, er gab dem Äffchen sogar eine Handvoll Rosinen und freute sich mit, wie geschwind der diese verschlang. Da schenkte er ihm noch Zuckerkand, und Laura sagte: »Er wird Sie noch besuchen, wenn Sie ihn so verwöhnen.«
Herr Häferlein war wirklich ein überaus höflicher Mann, und weil er dachte, Fremden muß man etwas erzählen, erzählte er dies und das aus Breitenwert. Laura lachte viel; sie fand Herrn Häferlein sehr schnurrig, und Alette Amhag sah sich neugierig in dem Lädchen um. So etwas hatte sie noch nie gesehen, und alle die Kästen mit den kleinen weißen Schildern, auf denen stand, was sie enthielten, bereiteten ihr vielen Spaß. »Nicht wahr,« fragte sie plötzlich, »so einen Laden gibt's nirgendswo als hier im Löwengäßle?«
Herr Häferlein lächelte geschmeichelt. »Der ist freilich schön,« sagte er stolz. Doch Laura murmelte etwas verlegen: »Solche Läden gibt's überall in Deutschland – selbst in Berlin,« fügte sie zögernd hinzu. Sie dachte dabei an den kleinen Vorstadtladen, den ihre Eltern besessen hatten, und in dem sie schon helfen mußte, als sie so alt wie Alette war. Laura redete nicht gern davon. Sie gehörte zu den Menschen, die meinen, ein schlichtes Herkommen und bescheidene Lebensverhältnisse wären eine Schande. Jetzt war sie Fräulein Laura, halb Zofe, halb Gesellschafterin; sie trug schöne Kleider und bildete sich ein, sehr vornehm zu sein, wenn sie Englisch oder Holländisch sprach und von ihren weiten Reisen erzählte.
»Ein bißchen langweilig mag's schon sein, alle Tage im Laden zu stehen,« sagte sie dann herablassend und mitleidig und rümpfte ihre Nase. »Komm, Alette, wir müssen gehen.«
»Nun, nun,« rief Herr Häferlein, »langweilig ist's gar net. Mir gefällt es ganz gut, und Frau Tippelmann sagt immer: ›Zufriedenheit macht Wasser zu Wein,‹ und da hat sie ganz recht. Ich bin recht zufrieden in meinem Lädle und will's net besser haben auf der Welt.«
In Lauras Herzen sang es, ein Klang aus vergangenen Tagen war es, da hatte der Vater auch oft gesagt, wenn die Kinder von größerem Reichtum redeten: »Seid zufrieden, Kinder, mit dem, was ihr habt, denn wer nicht zufrieden ist, trägt an seiner Bürde doppelt schwer.«
»Du bist so still geworden, Laura,« fragte Alette draußen, »hat dich Herr Häferlein geärgert?«
»Nein,« antwortete Laura hastig, »aber die Löwengasse ist mir langweilig, und den kleinen Laden finde ich gräßlich. Wenn uns nur erst Frau van Bachhoven holte!«
»Ich bleibe hier,« rief Alette erschrocken, und es war ihr auf einmal, als sei ihr die ganze Freude an dem schönen Tag vergangen.
Sie kam aber wieder, als sie den festlich gedeckten Tisch überblickte und von drüben aus der Linde die Grills herüberkommen sah. Die gingen ganz langsam und feierlich, denn sie hatten sich fein gemacht, und sie fanden, die Löwengasse dürfte es wohl sehen, daß sie in die Rose zu Besuch gingen. Die Sternbuben erkannten das auch wirklich von ferne, und ihre Herzen wurden ihnen schwer. Sie wären gerne auf einmal brave, fleißige Sternbübles gewesen, hätten einen guten Ruf gehabt, um auch von Alette Amhag eingeladen zu werden. Sie rannten denn auch eilig in den Stern zurück, suchten ihre Schwester Gundel und erklärten, sie wollten Schularbeiten machen, und sie sollte ihnen helfen.