Alette wunderte sich etwas. Die Geschwister hatten ihr so viel davon erzählt, wie gern sie in die Schule gingen, daß sie dachte, die müßten nun eigentlich sehr betrübt sein über die versäumten Tage. »Du bist aber dumm!« verwies sie Veit mehr offen als höflich, und Trinle belehrte sie, das sei nun einmal so. Auf Ferien freue man sich immer furchtbar, auf besondere Feiertage noch furchtbarer, und in die Schule ginge man gern. »Du mußt dich aber nicht zu sehr nach uns bangen,« schloß sie, »nachher erzähle ich dir viel, und vielleicht bringe ich dir auch Kuchen mit.«
»Vielleicht,« sagte Laura zu sich. Der paßte die Reise der Grills gut, und als das Schokoladetrinken vorbei war und die Kinder ein Spiel beschlossen, ging sie in ihr Zimmer, um an Frau Juana van Bachhoven zu schreiben. Sie dachte, den Geburtstagskuchen soll unsere Alette nicht mehr essen, die Tage sind gut zur Abreise, da gibt es dann keinen Abschiedsjammer. Sie schrieb dies und das und schrieb auch, Alette freue sich auf Paris, sie würde gern hingehen. Es war wieder eine Unwahrheit, aber Laura wollte fort, sie hatte die Löwengasse satt.
Frau Tippelmann hatte gemeint, Laura würde bei den Kindern bleiben. Sie selbst hätte es gern getan, aber sie kannte doch Alettes Scheu vor ihr. Die tat ihr weh, und sie ging still in ihr Zimmer, hörte das Lachen der Kinder von fern und fühlte sich so einsam wie nie zuvor.
Die Gäste merkten nichts von Lauras Ärger und Frau Tippelmanns Traurigkeit, sie waren vergnügt und Alette mit ihnen. Veit und Steffen waren sehr für Entdeckungsfahrten eingenommen, und ihre Lust am richtigen Spiel war bald vorbei. »Zeig uns den Garten, Alette,« baten sie, und Alette führte ihre Gäste gern hinaus. Der Garten war nicht sehr groß und glich mehr einer kleinen struppigen Wildnis. Frau Tippelmann hatte nur immer dicht am Hause Blumen und Gemüse gepflanzt und hatte die alten Bäume und Sträucher stehen und wachsen lassen, wie sie wollten.
»Da ist ein Räuberschlößle,« schrie Kasperle, der durch das zarte Grün des Buschwerkes ein Gartenhäuschen schimmern sah. Hart an der Mauer des Nachbargartens lag es.
»Ach, es ist nicht schön,« sagte Alette, und ihre Gäste bestätigten das bald, als sie vor dem halbverfallenen Budchen standen. Nein, schön war es nicht.
»Aber reinsehen muß man,« erklärte Veit und rüttelte an der Türe. Die gab nach; ein leerer, halbdunkler Raum gähnte den Kindern entgegen, nicht einmal altes Rumpelzeug war darin. Nur sehr viel Staub und Spinngewebe hing in den Ecken, es mochte wohl seit Jahren niemand hier dringewesen sein.
»Da ist eine Klappe, da geht es in einen Keller,« rief Veit plötzlich. Ein eiserner Ring war im Boden eingelassen, und die Buben stürzten eilfertig darauf zu und zerrten und zogen daran. Sie mußten sich ordentlich plagen, aber dann gab die Klappe nach und ging auf. Die Kinder sahen nun ein Treppchen vor sich, das in die Tiefe führte.
»Ein Keller,« rief Alette ängstlich.
»Ja, freilich, und wer weiß, was da unten verborgen ist!« riefen Veit und Steffen. »Früher haben die Menschen manchmal in solchen Kellern Schätze versteckt.« Veit besonders war ganz aufgeregt; das war doch etwas Geheimnisvolles, etwas, das er erforschen konnte! »Vielleicht finden wir unten einen Schatz, vielleicht eine Kiste, vielleicht einen Topf mit Geld, vielleicht –«