Es fließt viel Wasser vom Himmel, und viele Tränen werden vergossen. Die Lindenkinder verreisen, und die Sternbuben rennen Alette nach. Was geschieht, wenn eine Brücke morsch ist. In die Löwengasse dringt eine schlimme Kunde, Frau Tippelmann erschrickt, Laura denkt, die Gasse tanzt, und Frau Hinz trägt ihr Gundele und findet ihre Buben wieder.
Die Löwengasse war bitterböse auf die Sternbuben. Alle sagten, die wären eine Schande für die Gasse, und dieses schlimme Wort kam auch der Sternwirtin zu Ohren. Es kränkte sie tief, und sie strafte ihre Buben tüchtig, ja sie sagte sogar, sie würde die Buben fortgeben, zu einem Verwandten, der Lehrer war in einer etwas größeren Stadt, und der schon etliche Buben in seinem Haus erzog. »Wenn ihr sitzen bleibt, kommt ihr fort,« sagte Frau Hinz, »da gibt es kein Federlesen mehr.«
Damit war den Sternbuben eigentlich das Urteil gesprochen, denn an ein Versetztwerden glaubten sie selbst in ihren allerkühnsten Träumen nicht mehr. Und wenn sie jetzt fleißig waren und nach Frau Tippelmanns Wort aus einem Tag zwei gemacht hätten, sie waren zu weit unten, es half ihnen nichts mehr. Die Sternbuben waren wirklich tief bedrückt und Gundel mit ihnen. Alle drei miteinander taten, als müßten sie dem April regnen helfen; ihre Tränen flossen wie Gießbäche, und dabei regnete es in den ersten Apriltagen wirklich genug. Der Regen rann und rauschte immerzu, immerzu, und der kleine Fluß, der das Breitenwerter Tal durchfloß, wurde fast zu einem Strom. Von überall her rannen kleine Bäche hinein, und davon schwoll er so an, daß die Leute im Städtchen sagten: »Es gibt gewiß noch eine Überschwemmung.« Vorsichtige warnten auch die Kinder: »Geht nicht über die Torbrücke, die steht nicht mehr fest auf ihren Pfeilern.«
Es waren wirklich wasserreiche Tage. Die Tränenbächlein flossen nicht allein im Silbernen Stern; auch in der Rose und in der Linde flossen sie. Den Sternbuben war der erste April schlecht bekommen, dem Affen August noch viel schlechter, der war krank geworden.
Nett war es nicht von Herrn Häferlein zu sagen: »Er hat sich in meinem Laden überfressen.« Laura grollte dem Nachbar darum bitter, sie erklärte: »August verträgt die Breitenwerter Luft nicht.« Aber Alette meinte, er habe sich zu sehr geängstigt. Frau Tippelmann jedoch brummte: »Gründe gibt's wie Brombeeren, und meist braucht man nicht nach einer Krankheit zu suchen, die lauert vor der Türe.« Sie ging dann selbst zum Tierarzt, der verschrieb ein Pulver, aber weder das noch die warmen Umschläge, die Frau Tippelmann dem kranken kleinen Schelm machte, vermochten ihm recht zu helfen. Er wurde schwächer und schwächer, und der Blick seiner dunklen Augen wurde immer trauriger. Vielleicht sehnte er sich wirklich zu sehr nach seiner sonnenheißen schönen Heimat. Der Sturm, der das alte Haus umheulte, der Regen, der gegen die Scheiben schlug, mochte ihm wenig gefallen, und wenn ihm Alette erzählte: »Wenn erst Sommer ist,« dann schloß er nur müde die Augen. Alette kauerte stundenlang neben ihrem kleinen Freund. Frau Tippelmann wollte es nicht recht leiden, und Laura nannte sie darum hartherzig. Auch die Lindenkinder entrüsteten sich darüber; freilich ihre Mutter sagte: »Frau Tippelmann hat recht, es ist für Alette nicht gesund, immer neben dem kranken Tierchen zu sitzen.«
Trotz all ihrer Teilnahme konnten sie sich in der Linde in diesen Tagen doch nicht so viel als sonst um die Nachbarn in der Rose kümmern, denn die Geburtstagsreise nahm alle Gedanken in Anspruch. Was gab es da auch zu tun und zu bedenken! Gedichte mußten gelernt werden, Trinle stickte noch mit Feuereifer an einer Decke, und es mußte bedacht werden, welche Sachen man mitnehmen wollte. Am letzten Tag überlegte es sich Trinle sechsmal: »Jetzt geh' ich zu Alette,« und immer kam etwas dazwischen. »Geh du,« sagte sie zu Kasperle, und Kasperle lief hinaus, und wie er draußen auf der Löwengasse war, kam ein Bote, der eine Schachtel brachte. Flink lief Kasperle-Neugier in das Haus zurück; er mußte doch sehen, was in der Schachtel drin war.
»Alette könnte auch zu mir kommen,« schalt Trinle, und als sie dann endlich Zeit hatte und hinüberlief, da fand sie Alette in bitterwehem Schmerz an Augustles Korb sitzen. Das Äffchen war tot.
Augustle tot! Dieser lustige kleine Schelm hatte wirklich seine dunklen Augen für immer geschlossen, auf Alettes Schoß war er still eingeschlafen.
Es flossen viele, viele Tränen um ihn. Den Grills war es erst, als sei all ihre selige Reisefreude mit dem Regen weggeschwommen, und Trinle versicherte schluchzend: »Ich freu' mich gar nicht mehr.« Sie kamen auch tiefbetrübt heim. Aber als sie am nächsten Morgen vor Tau und Tag geweckt wurden und dann mit den Eltern durch das tiefstille Gäßchen wanderten, husch, war die Reiselust wieder da. Sie schwatzten und lachten, und Alette hörte ihre frohen Stimmen. Die lag noch in ihrem Bett, und ihre kaum versiegten Tränen brachen auf's neue hervor. Ach, so einsam, so sehr verlassen fühlte sie sich! Sie weinte und weinte und wußte selbst nicht mehr, ob sie nun tiefer um die Abreise der Freunde oder um Augustles Tod klagte.
An diesem Vormittag brachte der Postbote einen eiligen Brief in das Haus zur Rose, und Lauras Gesicht wurde ganz hell, als sie den las. Sie ging zu Alette, die trotz Frau Tippelmanns Einsprache immer noch neben dem toten Augustle kauerte, und sagte vergnügt: »Alette, freue dich, wir reisen morgen ab!«