»Reisen morgen ab?« wiederholte Alette wie in einem Traum.
»Ja, ja, sieh nur nicht so schrecklich erstaunt drein! Es ist so und bleibt so. Morgen reisen wir. Frau van Bachhoven hat eben geschrieben; sie will uns morgen in Köln treffen.«
»Und dann?« Alettes Stimme zitterte wie eine kleine Flamme, gegen die der Wind steht.
»Dann?« Laura war ein wenig verlegen; die Angst in des Kindes Augen erschreckte sie, und sie murmelte leise: »Dann reisen wir nach Paris.«
Alette schrie auf: »Ich will nicht, ich will in Breitenwert bleiben, ich –« Ihre letzten Worte erstickten ein heftiges Schluchzen, und so hörte Laura nicht, daß sie sagen wollte: »Ich liebe Frau van Bachhoven gar nicht.«
Laura wurde böse. Ihrer Meinung nach hatte sie alles sehr gut eingerichtet, und sie kränkte sich über Alettes Widerspruch. Daß sie eigentlich nur an sich gedacht hatte, nur an ihr Vergnügen, nach Paris zu kommen, gestand sie sich nicht ein, und sie warf Alette heftig vor: »Du bist undankbar, pfui, schäme dich!«
In dem Augenblick öffnete sich die Türe, Frau Tippelmann trat ein, eine große weiße Schachtel im Arm. In der wollte sie den Affen begraben. Sie sagte das ein wenig kurz und trocken, wie es ihre Art war. Sie meinte, Alettes Tränen flössen noch immer um August, und sie glaubte, es würde besser sein, wenn die Kleine den toten Liebling nicht mehr sehen könnte.
Die Freunde fort, August tot, Laura böse, und morgen sollte sie auch noch die Löwengasse verlassen! Es war Alette, es müsse ihr das Herz brechen, sie konnte nicht einmal mehr weinen, und ganz stumm stand sie auf und verließ das Zimmer. Frau Tippelmann hätte sie gern in die Arme genommen und sie getröstet, aber sie dachte traurig: »Alette hat ja Laura, und mich liebt sie nicht.«
Fräulein Laura war über Alettes Hinausgehen froh. Nun konnte sie Frau Tippelmann von der Reise sprechen. Sie log wieder einmal ein bißchen und sagte: »Alette freut sich auch.«
»Na gut,« murmelte Frau Tippelmann, »mir kann's ja recht sein!« Sie seufzte tief, nahm August, bettete ihn sorgsam in die Schachtel und trug sie in den Garten. Ihr war das Herz schwer. So viele Jahre hatte sie allein in dem alten Haus gewohnt und war zufrieden damit gewesen, aber jetzt, seit Alette Amhag darin gewohnt hatte, fürchtete sie sich fast vor der Einsamkeit. Nun würden keine flinken Füßchen mehr die alten Treppen auf- und absteigen, kein helles Stimmlein würde mehr das Haus durchtönen, und die Nachbarskinder kamen wohl auch nicht mehr mit Lachen und Lärmen über die Gasse gerannt.