Frau Tippelmann stellte die Schachtel still unter einen Baum, später wollte sie das Äffchen darunter begraben. Oben begann Fräulein Laura in Hast und Eile die Sachen zu packen. Um Alette kümmerte sie sich nicht weiter. Die würde weinen, nun ja, sie würde aber auch wieder aufhören, und wenn morgen die Reise losging, da gab es keinen Abschiedsschmerz, kein Jammergeschrei von denen drüben. Gut war es so, sehr gut. »Und morgen geht es fort, geht's nach Paris,« trällerte sie vergnügt.
Alette Amhag wurde es an diesem traurigen Vormittag zu eng in dem Haus. Lauras Singsang trieb sie von Stube zu Stube, sie schlich die Treppe hinab, da hörte sie Frau Tippelmann in der Küche klappern und laut mit sich reden. Ach, die war wohl froh, daß sie abreiste, Augustle würde sie nun nicht mehr ärgern, und so viele Arbeit gab es dann auch nicht mehr. Alette seufzte tief. Wie traurig es doch war! Sie schlüpfte endlich sachte zur Haustüre hinaus und schaute hinüber nach der Linde. Da stand nicht wie sonst so oft Kasperle vor der Türe, und Herr Baldan war auch nicht zu sehen. Die Freunde waren nun schon bei der Großmutter, sie feierten und freuten sich, und wenn sie wiederkamen – – – da war Alette wer weiß wo!
Die grauen Wolken, aus denen in den letzten Tagen so viel Regen herabgeflossen war, hatten sich fast alle verzogen, leichte, zarte Weißwolken segelten lustig im blauen Luftmeer dahin, und die Sonne sah freundlich in die Löwengasse hinein.
Alette dachte, sie würde nun vielleicht nie mehr die schnurrige kleine Gasse sehen, und meinte, das Herz müsse ihr brechen vor Leid. Wäre ihr Vater doch da, er müßte ihr gewiß helfen und würde sie nicht zwingen, zu Frau van Bachhoven zu reisen! Wie sie sich fürchtete vor der Frau, die so laut und herrisch war!
Eine tiefe Sehnsucht nach dem Vater erfaßte sie, und ihre Tränen begannen schon wieder zu fließen. Es war ihr, als müsse sie wandern und wandern, um den fernen Vater zu suchen, und unwillkürlich lief sie die Löwengasse hinab, dem Untermarkt zu. Sie kam am Silbernen Stern vorbei. Dort waren eben die Kinder aus der Schule heimgekommen und standen in dem Hausflur zusammen. Sie ließen alle drei die Nasen gewaltig hängen, denn den Buben war heute in der Schule die letzte karge Hoffnung auf Versetztwerden zerronnen. Da sagte auf einmal Gundel: »Dort geht sie und weint.«
Mathes und Peter wußten gleich, wen die Schwester meinte, und sie vergaßen im Augenblick den eigenen Kummer und starrten Alette nach. »Die hat Schelte gekriegt,« murmelte Mathes niedergeschlagen.
»Sie sah so traurig aus!« Gundeles Stimme klang unendlich mitleidig. Sie sah selbst gleich ganz unglücklich drein, und die Brüder riefen geschwind: »Wir laufen und fragen sie, warum sie flennt.« Beim letzten Wort liefen sie schon, und am Untermarkt holten sie Alette ein. Statt sie aber zu fragen, was ihr fehle, trotteten sie wie ein paar getreue Hundchen immer hinter der Kleinen her. Ihre sonstige Keckheit hatte sie ganz verlassen, und sie wagten die Frage nicht.
Alette Amhag lief und lief ganz ziellos weiter. Sie riß eigentlich vor ihrem eigenen Kummer aus, aber der blieb in ihrem Herzen und klagte laut: »Morgen geht es fort, morgen, morgen, morgen!«
»Wohin sie nur rennt?« sagten die Sternbübles zueinander. »Ob Augustle ausgerissen ist?« Da klang es plötzlich neben ihnen: »Hallo, heda, ihr Sternbuben! Wohin des Weges?«