»Fangen Sie schon wieder an?« Herr Baldan stürzte hochrot vor Zorn hervor und brüllte den Freund an: »Narrenpossen, schämen Sie sich!«
»Baldrian, ich will Baldrian! Sie stirbt, und das sind keine Narrenpossen,« brüllte Herr Häferlein zurück, und da erst merkte der Provisor, die Sache war ernsthaft, und er fragte sehr sanft: »Wer stirbt?«
»Es wird ihr schon wieder besser!« Der Mann, der die Unglücksbotschaft überbracht hatte, steckte den Kopf zur Türe herein und meldete noch: »Sie ist wieder aufgestanden.«
Herr Häferlein eilte hinaus, und Herr Baldan ergriff eine Flasche und lief ihm nach. Draußen fanden sie Laura, die wirklich wieder auf ihren Beinen stand, sich aber ganz hilflos umsah, denn sie hatte keine Ahnung, wo das Spital liegen sollte, in das man Alette gebracht hatte.
Der Kaufmann erbot sich gleich, er wolle sie begleiten. Dies sei Nachbarspflicht, dem andern in der Not beizustehen. Das Wort traf Laura wunderlich. Was ein guter Nachbar ist, hatte sie in ihrem Wanderleben noch nicht erfahren, und hier in Breitenwert hatte sie oft heimlich über die Leute gelacht, die sich alle kannten, alle taten, als wäre Nachbarsein etwas Besonderes. Jetzt spürte sie, wie gut das hilfreiche Beistehen tat. Herr Baldan versprach, das Haus zu verschließen und auf Herrn Häferleins Laden einen Blick zu werfen. Er tröstete sie selbst noch herzlich, gewiß sei es nicht so schlimm, in dem Flüßchen könne kaum jemand ertrinken, so seicht wäre es.
Ach, trotz dieses Trostes meinte Laura noch nie in ihrem Leben einen schwereren Gang getan zu haben. Nichts, kein noch so gutes Freundeswort konnte die Stimme in ihrem Herzen übertönen, die immer redete: »Du trägst die Schuld, du, du.« –
In den Silbernen Stern trug auch jemand die Kunde von dem Unfall auf der Brücke. Frau Hinz stand in der Küche; recht wie ein Feldherr befahl sie ihren Leuten, und sie hatte wieder einmal über ihrer Wirtschaft ihre Kinder völlig vergessen. Da kam Mina angelaufen und schrie: »Unsere Bübles sind beinahe ertrunken mit dem fremden Mädle von drüben; sie liegen im Spital.«
Beinahe ertrunken! Im Augenblick vergaß Frau Hinz ihr stattliches Gasthaus, an dem sie viel Freude hatte, und sie dachte nur an ihre Buben. Sie wurde totenbleich, und ein paar Sekunden lang meinte auch sie, ihre Küche tanze. Aber sie war eine entschlossene Frau; sie nahm sich zusammen und sagte kurz: »Ich muß hin.«
»Nimm mich mit!« Aus der Tiefe der Küche erklang flehend Gundels Stimme. Die Angst um die Brüder zitterte darin, und die Mutter sagte wieder kurz, wie es ihre Art war: »So komm!« Sie nahm Gundel an der Hand und verließ so, wie sie ging und stand, das Haus. Als sie auf die Gasse kam, rannten eben Laura und Herr Häferlein vorbei, auch getrieben von der Angst, und Frau Hinz hastete ihnen nach so schnell als möglich. Gundel versuchte Schritt zu halten, doch ihr lahmes Füßchen versagte, und langsam löste sie ihre Hand aus der der Mutter. Frau Hinz achtete nicht darauf, sondern lief weiter, weiter, bis sie es plötzlich doch merkte, daß Gundel nicht mehr mit ihr ging. Da drehte sie sich um, unwillig über das Aufgehaltenwerden, und sah nun weit zurück Gundel mühsam ihr nachhinken.
Die Sternwirtin hatte ihr lahmes Mädelchen lieb. Sie war auch anfangs, als Gundel noch klein war, rechtschaffen betrübt über deren Unglück gewesen; allmählich hatte sie es vergessen. Es war eben so, und da Gundel selbst nie klagte, dachte die Mutter kaum noch an dieses Leid. Jetzt, als sie die Kleine so mühsam daherkommen sah, erschrak sie zum andernmal tief im Herzen. Und sie lief rasch zurück und nahm ihr Mädele auf den Arm. »Ich trag dich,« murmelte sie.