»Mutter!« Gundels blasses Gesichtchen färbte sich rosenrot vor Freude. Die Mutter nahm sie auf den Arm, wie schön das war! Sie legte ganz still ihren Kopf an der Mutter Brust, und in dem Glücksgefühl, dies tun zu dürfen, ließ ihre Angst um die Brüder ein wenig nach, und sie sagte leise, sich und der Mutter zum Trost: »Unsere Bübles sind gewiß net tot.«
Frau Hinz seufzte. »Ach, wer weiß, was die wieder angestellt haben!« Wie es gewesen war, hatte der Bote selbst nicht gewußt, und so ahnte die Mutter noch nichts von ihrer Buben Heldentat. Sie seufzte schwer, und Gundel schmiegte sich fester an sie. »Unsere Bübles sind gar net so schlimm,« flüsterte sie, »nur halt ein bißchen wild!«
Das Wort bewegte die Mutter tief, und sie sagte es ihrem Kinde unwillkürlich nach: »Nein, sie sind net so schlimm.«
Gundel war, wenn auch zierlich und schlank, doch immerhin kein rechtes Tragekind mehr. Die Mutter spürte die Last wohl. Die zwang sie, langsam zu gehen, und doch war es ihr, als würde ihre Angst leichter, je fester Gundel in ihren Armen ruhte. Sie hatte sich ihrem Mädele noch nie so nah gefühlt wie in dieser Stunde gemeinsamer Sorge, und jetzt erst, wo sie zwei Kinder zu verlieren fürchtete, merkte sie erst, wie reich sie durch alle drei gewesen war. »Ich werde dir zu schwer,« klagte Gundel, und sacht streichelte sie der Mutter das erhitzte Gesicht.
»Du bist mir nie zu schwer,« sagte sie, »leg dich nur an, mein armes Käferle du!«
Da wagte Gundel, was sie noch nie gewagt hatte, sie küßte ihre Mutter und flüsterte ihr ins Ohr: »Ich hab dich so lieb!«
Frau Hinz sagte nichts, sie drückte nur ihr Kind fester an ihre Brust und spürte nicht mehr, daß der Weg lang und schwer war, denn ihre Sorge wurde milder. Gundels Liebe war ihr wie Licht, das warm und sanft eine dunkle Nacht erhellt. Diese Liebe gab ihr Mut und Kraft, und ganz tapfer schritt sie in das Spital hinein und empfing dort die Kunde: »Die Bübles leben und schlafen, und die schlimmen Schelme haben eine tapfere Tat getan.«
Als Mathes und Peter erwachten, meinten sie zuerst, sie wären in eins von den Märchenländern geraten, aus denen ihnen Gundel so lieblich zu erzählen wußte. Da lagen sie selbst in schneeweißen Betten, und Mutter und Schwester saßen daran, und die Mutter sah gar nicht mehr böse aus, sondern so freundlich wie sonst nur am Weihnachtstag. Sie redete auch so und streichelte ihre Buben, was sie auch so selten einmal tat, und was denen doch ausnehmend gut gefiel. Wie sie das eben sagen wollten, kam die Schwester in die Stube und der Arzt auch, und der sagte gleich: »Na, ihr Lebensretter, habt ihr ausgeschlafen? Ihr habt das wirklich brav gemacht, denn mit dem Mädle wär's alle, wenn ihr's nicht so geschwind herausgeholt hättet.«
»Ja, sehr brav, merkwürdig brav,« sagte da noch jemand, und das war – Herr Häferlein. Wirklich und wahrhaftig, Herr Häferlein! Der tat, als wäre er mit den Sternbuben sehr gut Freund, er versprach ihnen sogar Rosinen, und er sah dabei selbst aus wie die allergrößte, süßeste Rosine aus seinem Laden.
O Wunder über Wunder! Auch Frau Tippelmann kam und lobte die Sternbuben. Sie lachte nicht so vergnügt wie Herr Häferlein, sie sah sogar sehr kummervoll drein, aber wie sie sagte: »Ihr habt's brav gemacht, Gott lohn's euch!« da war es den Sternbübles, als säßen sie in der schönen alten Stadtkirche und hörten die Orgel spielen. Und wie immer, wenn sie dort saßen, weiteten sich ihre Herzen. Gute, fromme Gedanken zogen ein, die strahlten aus ihren Augen, und die Mutter, Herr Häferlein, die Schwester, der Arzt und auch Frau Tippelmann dachten in dem Augenblick: »Wie lieb sie aussehen, die Bübles, ei, die sind doch gar nicht so schlimm!«